Einfühlungsvermögen gefragt

Pflegebedürftigkeit: Tipps bei Problemen mit Inkontinenz

Mit dem Alter nimmt auch die Wahrscheinlichkeit für Inkontinenz zu. So kämpft die Hälfte der Pflegebedürftigen mit Stuhl- oder Harninkontinenz. Ob beim Essen, beim Kleiden oder auf der Toilette: Die Pflegenden können viel tun, damit Darm- und Blasenschwäche nicht zum Problem werden. Das erhöht die Lebensqualität aller Beteiligten.

Tochter pflegt Mutter
Inkontinenz bekommen pflegende Angehörige durch bestimmte Maßnahmen gut in den Griff.
Getty Images/Creatas RF

Familienmitglieder sind sich oft sehr nahe, sie teilen Empfindungen, Erinnerungen und Geheimnisse. Doch nackt und unbeholfen mögen sich die wenigsten voreinander zeigen – dann lieber vor Arzt und Krankenschwester. Von Angehörigen, die zu Hause ein Familienmitglied mit ausgeprägter Blasenschwäche pflegen, ist darum besonders viel Einfühlungsvermögen gefordert.

Würdevoller Umgang mit inkontinenten Pflegebedürftigen

Wer seine Mutter, seinen Vater oder Partner auf die Toilette begleitet und ihm die Vorlage (Inkontinenzeinlage) – möglicherweise auch Unterhose und Hose wechselt – greift in die Intimsphäre des anderen ein. Das kann das Verhältnis belasten. Spannungen lassen sich aber vermeiden, wenn der pflegende Angehörige darauf bedacht ist, bei aller körperlichen Nähe zugleich Distanz zur Intimsphäre des geliebten Menschen zu wahren. Folgende Verhaltensregeln helfen dabei:

  • nie in Babysprache oder derbem Jargon über die intimen Verrichtungen sprechen – also kein "Hast du wieder Pi-Pi gemacht" oder "Er hat wieder gepisst"

  • die Inkontinenz des Familienmitglieds nicht zum beherrschenden Thema am Abendbrottisch machen. Das heißt nicht, dass über das Problem nicht offen gesprochen werden sollte, doch tägliche Zustandsberichte – "Heute hast du ja nur zwei Windeln gebraucht" – zehren an den Nerven des Pflegebedürftigen.

  • nicht in Anwesenheit von Besuch auf die Inkontinenz zu sprechen kommen

  • den Pflegebedürftigen nicht – auch nicht für eine halbe Minute – bei offener Tür auf der Toilette sitzen lassen

  • nicht überall in der Wohnung Zeichen der Inkontinenz verstreuen. So sollten etwa die Vorlagen diskret untergebracht und nicht für Besuch sichtbar im Flur gelagert werden

  • durchnässte Unterhosen und Hosen nicht an prominenter Stelle über die Heizung hängen, sondern sofort an einen diskreten Ort befördern

  • die Intimpflege zwar nicht hektisch, aber zügig vornehmen

  • Das Tragen von Einmalhandschuhen dient nicht nur der Hygiene, es kann auch Distanz schaffen. Es empfiehlt sich außerdem, die Wäsche der Pflegebedürftigen auch nach kleineren Malheurs sofort zu waschen. Häufiges Lüften sollte zur Gewohnheit werden, denn permanenter Uringeruch ist nicht nur unangenehm: Er beschwört überdies klaustrophobische Stimmung herauf. Dies kann auch den pflegenden Angehörigen in dem Gefühl bestärken, nie herauszukommen.

Das erleichtert die Pflege bei Inkontinenz

Blasenschwäche lässt sich oft gut in den Griff bekommen, wenn man einige Tipps beachtet.

Trinken

Pflegebedürftige Menschen mit einer Blasenschwäche sollten mindestens 1,5 bis zwei Liter Flüssigkeit am Tag zu sich nehmen – außer medizinische Gründe sprechen dagegen. Oft versuchen die Betroffenen, dem unkontrollierten Harnverlust vorzubeugen, indem sie weniger trinken. Das fördert aber Harnwegsinfektionen und Verstopfungen. Bei der Wahl der Getränke sollten Sie beachten, dass Kaffee, manche Teesorten, Säfte aus Zitrusfrüchten und Kohlensäurehaltiges harntreibend wirken können. Um nachts Harndrang und Einnässen zu reduzieren, sollte der Pflegebedürftige tagsüber viel und nach 18 Uhr weniger trinken.

Essen

Die Ernährung sollte ausgewogen sein, viel Obst und Gemüse sowie ausreichend Ballaststoffe (zum Beispiel in Getreideprodukten) enthalten. Das beugt Verstopfungen und Übergewicht vor. Beides kann eine Harninkontinenz fördern, indem der entstehende Druck den Beckenboden schwächt. Bei Verstopfung geschieht dies durch die starke Anstrengung beim Entleeren des Darms. Außerdem kann ein voller Darm auf die Blase drücken und zum Beispiel das Fassungsvermögen der Blase beinträchtigen. Vor allem bei Belastungsinkontinenz profitieren übergewichtige Frauen vom Abnehmen. Studien haben gezeigt, dass sich die Blasenschwäche dadurch besserte.

Bewegen

Bewegung fördert die Kontinenz. Sie sollten den Pflegebedürftigen darin unterstützen, auf die Toilette zu gehen. Üben Sie mit ihm den Gang aufs WC. Um die Motivation zu fördern, können Sie zum Beispiel einen kleinen Spaziergang daraus machen. Da die Balancefähigkeit im Alter nachlässt, ist es gut, sie regelmäßig zu trainieren. So gewinnen Betroffene Selbstvertrauen für ihren Weg aufs Örtchen. Aufsteh- und Gehhilfen können gebrechliche Menschen dabei unterstützen, in Bewegung zu bleiben. Um die Fingerfertigkeit zu erhalten, die Betroffene brauchen, um ohne Hilfe Reißverschlüsse und Knöpfe auf der Toilette öffnen zu können, helfen beispielsweise Hand- oder Bastelarbeiten oder das Schälen von Obst und Gemüse.

Kleiden

Inkontinente Menschen sollten sich stets warm anziehen – besonders an den Füßen und am Unterleib. Die Unterwäsche sollte Luft durchlassen, damit Feuchtigkeit sich nicht staut und womöglich eine Blaseninfektion provoziert. Falls der Pflegebedürftige Vorlagen oder Windeln trägt, sollte die Kleidung so weit sein, dass die Hilfsmittel sich nicht abzeichnen und ihren Träger dadurch in Verlegenheit bringen. Große Muster können kaschieren helfen. Damit die Kleidung auf der Toilette rasch zu öffnen ist, sind leichtgängige Reißverschlüsse und Klettstreifen erste Wahl. Hosen mit Gummizug sind ebenfalls empfehlenswert.

Wohnen

Menschen mit Demenz oder einer Orientierungsstörung finden den Weg zum WC oft nicht rechtzeitig und nässen deshalb ein. Hier kann es helfen, Hinweisschilder anzubringen. Da Betroffene sich häufig an frühere Zeiten erinnern, sollten Sie vertraute Motive und Begriffe verwenden – beispielsweise kennzeichnete früher ein Herz an der Holztür den Abort. Empfehlenswert ist auch, den Toilettensitz in einer auffälligen Farbe zu wählen. Denn Demenzkranken fällt es schwer, ein weißes Klosett vor einem weißen Hintergrund zu erkennen. Außerdem fühlen Demente sich von Farbimpulsen angezogen und wissen dann oft intuitiv, wo es lang geht. Achten sie darauf, dass der Weg zur Toilette immer frei geräumt und gut beleuchtet ist. Schwellen am besten abflachen, Teppichkanten am Boden fixieren und Kabel festkleben, damit Pflegebedürftige den Weg zum Klosett nicht aus Angst vor Stürzen scheuen. Auf der Toilette können erhöhte WC-Sitze, Halterungen oder Aufstehhilfen das selbstständige Wasserlassen erleichtern. Weitere Tipps zum Umgang mit inkontinenten Demenzkranken lesen Sie hier.

Pflegen

Die Haut von inkontinenten Menschen braucht besondere Pflege, weil die Feuchtigkeit die Haut aufquellt und durchlässiger macht und der Urin zusätzlich den Säureschutzmantel der Haut angreift. Falls häufiges Waschen nötig ist, am besten nur klares Wasser verwenden. Ansonsten sind leicht saure Syndets mit einem ph-Wert von 5,5 bis 6 zu empfehlen. Nach dem Reinigen sollten Sie eine Wasser-in-Öl-Lotion auftragen, um das Rückfetten der Haut zu unterstützen. Salben, Pasten und reines Fett, wie Vaseline oder Melkfett, dichten die Hautporen zu stark ab, stören so den Wärmeaustausch mit der Umwelt und können die Haut aufquellen lassen. Zudem beeinträchtigen sie die Aufnahmefähigkeit von Inkontinenzeinlagen und Windeln. Sie sollten daher nicht zur täglichen Pflege, sondern nur auf ärztlichen Rat zum Einsatz kommen. Wenn die Haut am After besonders sensibel oder schon geschädigt ist, können Langzeit-Hautschutzfilme in Sprayform sinnvoll sein. Um die Haut zu schützen, sollten Sie bei aufsaugenden Hilfsmitteln auf gute Qualität und einen Rücknässeschutz achten. Allgemeine Informationen zur Hautpflege bei Inkontinenz sind in diesem Artikel zusammengefasst.

Die Hälfte der Pflegebedürftigen ist inkontinent

Angehörige übernehmen die Pflege von Familienmitgliedern mit Blasenschwäche gerne selber – allerdings wünschen sie sich dabei mehr professionelle Hilfe. "Dass Angehörige ihre pflegebedürftigen Familienmitglieder, die an Blasenschwäche leiden, am liebsten schnell in ein Pflegeheim einweisen würden, ist ein Vorurteil", sagt die Pflegewissenschaftlerin Daniela Hayder. Sie fand in einer Studie heraus, dass trotz vieler – vor allem emotionaler – Probleme die Angehörigen häufig gute Strategien entwickeln, um die zunächst ungewohnte Situation zu meistern.

Rund zwei Millionen Menschen in Deutschland haben Anspruch auf Leistungen aus der Pflegeversicherung. Die tatsächliche Zahl der Pflegebedürftigen ist jedoch weitaus höher. Da nur ein Teil der Hilfestellungen von professionellen Diensten erbracht wird, übernehmen die meiste Pflegearbeit die Angehörigen, von denen sich schätzungsweise die Hälfte mit einer Inkontinenz ihrer Angehörigen auseinandersetzen muss.

Pflege von inkontinenten Verwandten: Kosten für eine Pflegerin lohnen sich

"Der Prozess der Annahme der Harninkontinenz bei ihren Familienmitgliedern, im Sinne einer Akzeptanz, ist für viele pflegende Angehörige nicht leicht", sagt Hayder. Denn die Inkontinenz verdeutlicht den Angehörigen die zunehmenden geistigen oder körperlichen Einschränkungen ihres Familienmitglieds, so Hayder. Die Wissenschaftlerin befragte insgesamt zehn pflegende Angehörige nach ihren Erfahrungen. Alle Teilnehmer haben von sich aus nach Möglichkeiten gesucht, ihren pflegebedürftigen Familienmitgliedern so gut wie möglich zu helfen und entwickelten dabei spezielle Vorgehensweisen. Keiner der Angehörigen überlegte ernsthaft, sein Familienmitglied in ein Heim einzuweisen, auch wenn die Belastung – besonders bei berufstätigen Angehörigen – manchmal nur schwer zu bewältigen war. Insbesondere weil die Angehörigen weitgehend auf sich selbst gestellt sind.

Viele von ihnen würden sich professionelle Hilfe in Form von Pflegeleistungen oder Informationen wünschen, gerade damit ihre Familienmitglieder so lange wie möglich in der vertrauten Umgebung der eigenen vier Wände leben können. Bestehen keine Ansprüche auf Kostenübernahme durch die Krankenkasse, lohnt es sich dennoch, über eine Pflegekraft nachzudenken. Sicherlich ist das nicht billig, doch die Geldausgabe dient letztlich dem Familienfrieden. Denn auch die pflegenden Angehörigen sollten auf Ihre Zufriedenheit achten. So hebt es die Stimmung, mindestens einmal in der Woche für einige Stunden das Haus zu verlassen und eigenen Interessen nachzugehen. Manch pflegenden Angehörigen erleichtert es auch, sich mit einem Profi austauschen zu können.

Wer Interesse an Selbsthilfegruppen hat: Adressen findet man bei der Deutschen Kontinenz Gesellschaft im Internet.

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