Blasenschwäche bei jungen und älteren Frauen

Stressinkontinenz: Ursachen und Therapie der Belastungsinkontinenz

Belastungsinkontinenz, früher Stressinkontinenz genannt, ist die häufigste Form der Harninkontinenz bei Frauen. Sie lässt sich sehr gut behandeln – und das ganz ohne lästige Nebenwirkungen.

Junge Frau mit Mutter
Nicht nur ältere Frauen sind von Belastungsinkontinenz betroffen, sondern auch junge, zum Beispiel durch Schwangerschaft und Geburt.
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Es passiert beim Niesen oder Husten, beim Lachen, beim Sport oder bei anderen Dingen, die den Druck im Bauchraum erhöhen: Plötzlich schießt Urin aus der Blase. Mediziner nennen diese Form von Blasenschwäche Belastungsinkontinenz. Die frühere Bezeichnung dafür war Stressinkontinenz, abgeleitet vom englischen Wort "stress" (auf deutsch: "Druck", "Belastung", "Anstrengung"). Da der alte Begriff jedoch auf eine falsche Fährte führt, weil er Inkontinenz mit psychischem Stress verbindet, ersetzt ihn heute der Ausdruck Belastungsinkontinenz.

Bei einer Belastungsinkontinenz ist der Schließmechanismus der Harnröhre beschädigt. Die Ursache dafür ist oft eine Schwächung der Beckenbodenmuskeln, zu der es durch Schwangerschaft und Entbindung oder durch die hormonelle Umstellung während der Wechseljahre kommen kann. Daher nimmt die Häufigkeit dieser Art der Blasenschwäche ab dem dritten Lebensjahrzehnt zu.

Risikofaktoren für Belastungsinkontinenz

  • Schwangerschaft
  • Geburt
  • Wechseljahre
  • Alter
  • Hormonmangel
  • Übergewicht
  • dauerhaftes Husten
  • schwere körperliche Tätigkeiten
  • Verstopfung und Pressen beim Stuhlgang
  • Bindegewebsschwäche
  • Medikamente
  • genetische Ursachen

Anzeichen für Belastungsinkontinenz

Stress- beziehungsweise Belastungsinkontinenz haben vor allem Frauen: Jede zweite weibliche Betroffene von Harninkontinenz leidet unter dieser Form. Die Belastungsinkontinenz äußert sich durch folgende Symptome:

  • Harnverlust bei körperlicher Belastung wie Niesen, Heben, Husten, Lachen.

  • Der Harnverlust kündigt sich nicht durch Harndrang an.

  • In den meisten Fällen tritt nur wenig Urin aus.

Schweregrade der Belastungsinkontinenz

Je nach Intensität der Belastung, die zum unkontrollierten Urinverlust führt, lässt sich Belastungsinkontinenz in drei Schweregrade unterteilen:

  • Grad 1: Urin wird nur bei starker Drucksteigerung im Bauchraum verloren, beispielsweise beim Husten, Niesen, Pressen, Lachen, Tragen oder Heben schwerer Gegenstände.

  • Grad 2: Urin wird bereits bei mäßiger Drucksteigerung verloren wie Gehen, Aufstehen, Hinsetzen, Treppensteigen.

  • Grad 3: Schon bei schwacher Drucksteigerung oder ganz ohne Druckanstieg (zum Beispiel im Liegen) wird Urin verloren.

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Viele Frauen glauben noch immer, sie müssten sich mit einer Blasenschwäche arrangieren. Nur etwa jede vierte Betroffene geht zum Arzt. Dabei kann sich eine Belastungsinkontinenz so verschlimmern, dass die Frauen schließlich schon bei geringem Druck im Bauchraum ungewollt Harn verlieren. Spätestens dann wird der Alltag zur Tortur. Aus Angst, unterwegs könnte etwas in die Hose gehen, trauen sich viele Betroffene kaum aus ihrer Wohnung. Aber Scham hält sie gleichzeitig davon ab, sich einer Urologin oder einem Urologen anzuvertrauen. Dabei ist eine Belastungsinkontinenz in den meisten Fällen gut zu behandeln und das oft ganz ohne Medikamente.

Belastungsinkontinenz durch Schwangerschaft und Geburt

Oft bekommen schon junge Frauen eine Belastungsinkontinenz, etwa nach der Geburt eines Kindes. Die Belastungsinkontinenz tritt gehäuft bei Frauen auf, die vaginal entbunden haben. Bei Frauen, die ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt gebracht haben, sind dennoch rund sieben Prozent von Belastungsinkontinenz betroffen, wie eine Studie aus Norwegen ergab.

Das zeigt, dass nicht nur die natürliche Geburt Muskeln und Nerven mechanisch schädigt und damit Blasenschwäche fördert. Ein genauso wichtiger Einflussfaktor scheint die Schwangerschaft selbst zu sein.

Der Hormonspiegel und die Lage der Organe wie Blase und Gebärmutter verändern sich während der Schwangerschaft. So werden zum Beispiel die Bänder, die Blase und die Harnröhre elastischer und dehnbarer. Zusätzlich steigt mit fortschreitender Schwangerschaft der Druck auf die Blase.

Wird der Beckenboden schon während der Schwangerschaft trainiert, ist das Risiko für Belastungsinkontinenz deutlich geringer.

Beckenbodentraining während der Schwangerschaft rechtzeitig beginnen

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Norwegische Ärzte untersuchten, wie man einer Inkontinenz schon während der Schwangerschaft vorbeugen kann. Rund 300 Schwangere nahmen an der Studie teil, knapp die Hälfte absolvierte in der 20. bis 36. Schwangerschaftswoche ein Trainingsprogramm für die Beckenbodenmuskulatur.

Diese Gruppe besuchte zwölfmal eine 60-minütige Sitzung mit einem Physiotherapeuten; außerdem sollten die Frauen täglich zu Hause üben. In der 36. Schwangerschaftswoche wurden die Teilnehmerinnen befragt: Nur ein Drittel der Schwangeren, die am Trainingsprogramm teilgenommen hatten, klagten über Blasenschwäche. Aber knapp die Hälfte der Frauen, die keine Beckenbodenübungen gemacht hatten, berichteten von Inkontinenz.

Wie Sie Ihren Beckenboden trainieren, erfahren Sie hier.

Wechseljahre machen anfällig für Stressinkontinenz

Auch die Wechseljahre begünstigen die Entstehung einer Belastungsinkontinenz. Während des Klimakteriums produziert der weibliche Körper weniger Östrogen. Das liegt daran, dass die Eierstöcke langsam ihre Funktion einstellen. Die Zahl der Eibläschen nimmt ab, sie reifen oft nicht mehr vollständig heran und es kommt immer seltener zum Eisprung.

Deshalb sinkt auch die Bildung von Östrogen beständig ab. Das kann schon Jüngere treffen, wenn Frauen beispielsweise durch eine Krebstherapie vorzeitig in die Wechseljahre kommen.

Der sinkende Östrogenspiegel wirkt sich unterschiedlich aus: "Durch den Östrogenmangel reagiert der weibliche Körper stärker auf die reizenden Stoffe im Urin", erklärt Professorin Daniela Schultz-Lampel, Direktorin der Kontinenzzentrums Südwest am Schwarzwald-Baar Klinikum Villingen-Schwenningen. Der Harndrang nehme daher zu. Zudem steigt durch die fehlenden Östrogene der pH-Wert der Scheide. Der natürliche saure Schutzwall der Vagina, Blase und Harnröhre wird dadurch gestört; Viren und Bakterien können leichter eindringen.

Eine schlechtere Durchblutung der Schleimhäute im Genitalbereich, ebenfalls durch fehlende Östrogene verursacht, erleichtert Krankheitserregern ihr Werk. Hinzu kommt, dass das Östrogendefizit rund um die Menopause das Gewebe erschlaffen lässt. Das kann die Kraft der Schließmuskeln mindern.

Übergewicht als Ursache für Belastungsinkontinenz

Neben Veranlagung, Alter, Schwangerschaft, Geburt und Wechseljahren gibt es einen weiteren wichtigen Risikofaktor für einen schwachen Beckenboden: Übergewicht. Ein schlaffer Beckenboden kann dem Druck, der von oben auf die Blase wirkt, nicht mehr genug entgegensetzen. Die überflüssigen Kilos erhöhen den Druck im Bauchraum und auf die Blase und fördern so den unwillkürlichen Harnabgang. Auch hier lässt sich der Beckenboden mit gezieltem Training kräftigen. Zusätzlich entlastet Abnehmen den Beckenboden.

Ob Sie übergewichtig sind, können Sie anhand des sogenannten Body Mass Index (BMI) herausfinden. Mit dem BMI-Rechner auf Lifeline.de erfahren Sie, ob Sie betroffen sind.

Wenn Sie Übergewicht haben, ist Abnehmen nicht nur wegen des Inkontinenzrisikos sinnvoll. Viele Krankheiten werden durch Übergewicht begünstigt. Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, wie Sie am besten abnehmen können. In erster Linie sollten Sie Ihre Ernährung umstellen und für regelmäßige Bewegung sorgen.

Therapie der Belastungsinkontinenz durch Östrogene und Medikamente

Beckenbodentraining ist die erste Wahl zur Behandlung von Belastungsinkontinenz. Neben Übungen hat sich auch die Fußreflexzonentherapie zur Stärkung der Beckenbodenmuskeln bewährt.

In bestimmten Fällen, zum Beispiel während der Wechseljahre, kommt auch eine Therapie mit örtlich wirkenden Östrogenen in Frage (zum Beispiel durch Zäpfchen oder Cremes). Sie können Inkontinenz lindern oder sogar heilen. Zudem verbessern sie die Scheidenflora und wirken dem Abbau der Vaginalschleimhaut (vaginale Atrophie) entgegen, der während der Wechseljahre und danach häufig einsetzt.

Die orale Einnahme von Hormonen dagegen bessert laut Studien die Harninkontinenz nicht. Im Gegenteil erhöht eine orale Hormontherapie das Risiko für Blasenschwäche und verschlimmert unter Umständen eine bestehende Belastungsinkontinenz.

Auch der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin wird gegen Belastungsinkontinenz eingesetzt. Durch den Wirkstoff spannt sich der Schließmuskel der Harnröhre an, ein Druckanstieg im Bauchraum führt dann nicht mehr so schnell zum Urinverlust. Das Medikament wird nur zur vorübergehenden Behandlung empfohlen, kann jedoch Nebenwirkungen wie Übelkeit, Schlaflosigkeit oder Schwindel hervorrufen.

Nur wenn diese konservativen Therapien keinen Effekt haben, sollte über eine Operation nachgedacht werden. Dabei werden Vaginalbänder über einen kleinen Schnitt in der Scheidenwand eingeführt und unter der Harnröhre eingelegt, mit der sie nach etwa drei Monaten vollständig verwachsen. Die Harnröhre wird dadurch gestützt und kann Druckanstiege im Bauchraum besser aushalten.

Blasenschwäche: 15 sanfte Tipps gegen Inkontinenz

Autor:
Letzte Aktualisierung: 02. Mai 2016
Quellen: Jürgen Schickinger: Inkontinenz. Stiftung Warentest 2014; Mit Informationen der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft, von Frank Perabo, Stefan C. Müller, Inkontinenz – Fragen und Antworten, Deutscher Ärzte-Verlag 2009 und dem Unternehmen Apogepha

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