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Das Schweigen brechen

"Einnässen ist abgrundtief peinlich"

Laut Schätzungen erkranken jede vierte Frau und jeder zehnte Mann im Laufe ihres Lebens an Harninkontinenz. Die meisten reagieren geschockt, wenn unfreiwilliger Urinabgang zur Regel wird. Dennoch dauert es manchmal Jahre, bis Betroffene sich trauen, über ihr Problem zu sprechen und ärztliche Hilfe zu suchen. Ihre Scham ist so groß, dass sie lieber Einschränkungen in Kauf nehmen.

Urinabgang bei Belastung

Inzwischen hat ein Urologe bei Conny Neumann eine Belastungsinkontinenz festgestellt - die häufigste Inkontinenzform bei Frauen. Bei der Stressinkontinenz, wie sie früher hieß, verlieren die Patienten bei körperlicher Anstrengung wie Niesen, Lachen, Treppensteigen oder Heben unfreiwillig Harn. Ursache ist meist eine geschwächte Muskulatur des Beckenbodens und des muskulären Verschlusssystems der Harnröhre. Der Körper kann den erhöhten Druck im Bauchraum nicht mehr ausgleichen, sodass bei Belastung Urin abgeht.

Vor allem Schwangerschaften und Geburten können den Beckenboden schwächen, aber auch einseitig belastende Körperhaltungen, Übergewicht, hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren und chirurgische Beckeneingriffe spielen eine Rolle. Bei Männern ist häufig eine Operation an der Prostata Auslöser für ungewollten Harnverlust.

Für Altenpflegerin Conny Neumann* gehört Harninkontinenz zum Berufsalltag. "Das ist halt so und fertig", dachte sie - bis es sie selbst erwischte. "So normal ich Inkontinenz bei meinen Patienten empfinde und so selbstverständlich ich damit umgehe, ist es trotzdem etwas ganz anderes, wenn man auf einmal selbst damit konfrontiert wird."

Wann die Krankheit bei ihr begann, vermag sie nicht mehr zu sagen. Vor einigen Monaten jedoch hatte Conny Neumann ein Schlüsselerlebnis. "Mir ist eine abgrundtief peinliche Situation passiert. Ich habe bei einem Patienten einen Keks gegessen. Beim Lachen bekam ich Krümel in die Luftröhre und musste so stark husten, dass meine frisch angelegte Binde übervoll war, und ich ausgerechnet in dem Moment auch noch meine Regel bekam. Ich arbeite in Weiß, und es ist richtig schön rötlich die Hosenbeine heruntergelaufen. Da ich im ambulanten Dienst tätig bin, konnte ich nicht zum Umziehen nach Hause fahren und musste meine Arbeit so beenden. Das war derart schlimm für mich, dass ich die Inkontinenz erst da realisiert habe."

Ich bin doch noch so jung!"

"Es hat sehr lange gedauert, bis ich etwas unternommen habe", sagt Conny Neumann. "Zunächst habe ich nur geheult. Der Urin lief so stark, dass ich mir wirklich Badetücher untergelegt habe. Ich dachte, bleibt das jetzt so? Ich bin doch erst 40 und nicht 70 wie meine Patienten!" Bei einer Rückenuntersuchung wagte sie schließlich, das Thema anzusprechen - allerdings so, als ob es um eine andere Person ginge. Doch der Hausarzt deutete ihre Fragen richtig, hakte nach und überweis sie an einen Urologen.

Schicksal Inkontinenz?

Das Schweigen war gebrochen - und bescherte Conny Neumann eine interessante Entdeckung. Als sie einer Kollegin von ihrer Belastungsinkontinenz erzählte, gestand diese, das gleiche Problem zu haben. Sie habe nie darüber gesprochen, es einfach hingenommen. Kein Einzelfall. Viele Betroffene sehen Blasenschwäche als Schicksal. Aus Scham verbergen sie ihre Krankheit und lassen zu, dass die Inkontinenz Oberhand über ihr Leben gewinnt. Ständig in der Angst einzunässen, ziehen sich Patienten mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück.

Prinzip Hoffnung

Trotz erheblicher Einschränkungen fällt es vielen schwer, Hilfe zu suchen. "Ich habe mich lange nicht getraut, zu einem Arzt zu gehen", bekennt Olaf Müller*. Obschon es ein "ziemlicher Schock" für ihn war, als der 40-Jährige vor zehn Jahren feststellte, dass er Urin verliert. Zwischendurch habe er eine Zeit lang besser zur Toilette geschafft. Danach jedoch sei es "gleichbleibend schlecht" geblieben. Dennoch fasste Olaf Müller erst nach zwei Jahren den Mut, sich untersuchen zu lassen. Ohne das hartnäckige Drängen seiner Freundin und jetzigen Frau hätte der diesen Schritt vielleicht bis heute nicht getan.

Nun weiß Olaf Müller, dass er an Dranginkontinenz leidet. Dabei kommt es zu überstarkem Harndrang, obwohl die Blase noch gar nicht gefüllt ist. Folge: sofortiger Urinabgang. Ursachen für eine Dranginkontinenz können ein überaktiver Blasenmuskel, eine verminderte Speicherfähigkeit der Harnblase sowie Entzündungen oder Tumoren in der Blase oder Harnröhre sein. Aber auch eine Störung im steuernden Nervensystem kann zum spontanen Urinverlust führen. Was hinter der Dranginkontinenz des Landschaftsgärtners steckt, ist noch unklar. Nach mehreren Untersuchungen vermute sein Urologe, dass ein Nerv eingeklemmt ist, erzählt Olaf Müller. Sein Rat an andere Inkontinente? "Nicht lange warten, sondern sofort einen Arzt aufsuchen und alle Möglichkeiten durchspielen."

* Name von der Redaktion geändert


Autor: Martina Janning
Stand: May 11, 2005


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