Erfahrungsberichte Harninkontinenz
"Meine Eltern sollten das Bettnässen nicht bemerken"
Ist die Windel zu sehen oder Urin zu riechen? Viele Menschen mit Blasenschwäche behelfen sich mit ungeeigneten Monatsbinden und tragen bewusst weite Kleidung. Aus Angst, verlacht und ausgeschlossen zu werden, verstecken Betroffene ihre Krankheit. Manchmal beginnt die Hölle schon in der Kindheit, wenn Eltern statt Verständnis nur Prügel übrig haben.
Kinder können grausam sein", urteilt ein 38-Jähriger, der weiß, wovon er spricht. Jörg Klose ist Bettnässer, trocken war er nie. Seine Geschwister tratschen über ihn, seine Mitschüler wollten nichts mit ihm zu tun haben. Hänseleien waren an der Tagesordnung. "Von meinen Eltern konnte ich nichts erwarten", erzählt Jörg Klose. "Mein Stiefvater hat mich verprügelt, wenn ich ins Bett gemacht habe. Ich musste im Nassen oder ohne Bettzeug weiterschlafen." Irgendwann besorgte sich der Junge große Müllsäcke. "Da habe ich mich reingelegt. So blieb wenigstens das Bett trocken und ich bekam keine Prügel mehr. Wenn es im Sack nass war, habe ich ihn schnell nach draußen gebracht und geleert. Das geschah alles heimlich - meine Eltern haben nichts mitbekommen."
Rückzug aus dem Leben
Erst für den erwachsenen Sohn zeigt die Mutter Verständnis - nicht zuletzt, weil sie nun selbst bei körperlicher Belastung Urin verliert. Zum Arzt gehe sie damit nicht, berichtet Jörg Klose. Sie zahle die Vorlagen lieber selbst statt sie sich verschreiben zu lassen. Wenigstens behilft sie sich nicht mit Monatsbinden wie andere Inkontinente. Denn Binden verschärfen das Problem noch: Sie sind dafür gemacht, trocknendes Blut aufzusaugen - Urin überschwemmt sie schnell. Die ständige Nässe weicht die Haut auf und begünstigt Infektionen. Zudem verbreiten sie Uringeruch. Und gerade aus Furcht, unangenehm zu riechen, ziehen sich viele Inkontinente mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück.
Urlaub mit Gummiunterlage
Für Jörg Klose ist es selbstverständlich, nachts Windeln zu tragen. Zusätzlich hat sein Urologe ihm anatomische Vorlagen für Männer verschrieben, da er seit etwa sechs Jahren auch tagsüber einnässt. Grund für den Urinverlust sei eine Dranginkontinenz und eine geringe Kapazität der Blase, berichtet der Sachsen-Anhalter.
Schränkt ihn seine Inkontinenz ein? "Eigentlich nicht", meint er. "Doch wenn ich z.B. in eine Gaststätte gehe, setze ich mich in die Nähe der Toilette. Und im Urlaub lege ich eine Gummiunterlage ins Bett und sage bei der Zimmervermietung oder im Hotel gleich Bescheid, dass etwas passieren kann. Bis jetzt bin ich immer auf Verständnis gestoßen."
Inkontinenz ist Vertrauenssache
Jörg Klose handhabt seine Inkontinenz mit großer Souveränität. Dennoch: "Ich werde mich hüten, Freunden davon zu erzählen." Zu groß ist seine Angst, dass sie sich abwenden.
Gute Erfahrungen hat Nathalie Werner* gemacht. Mit ihr nahestehenden Menschen spricht sie über ihre Belastungsinkontinenz. "Viele wissen gar nicht, dass man das schon in jungen Jahren bekommen kann." Die Studentin ist 20. Bereits seit dem Kindergarten verliert sie beim Lachen, Niesen oder Seilspringen Urin. "In der Pubertät war die Inkontinenz eine sehr große Belastung. Früher habe ich mich damit versteckt. Heute versuche ich, sie zu akzeptieren und als normal anzusehen." Das gelingt jedoch nicht immer. Als sie sich verliebte, verschwieg sie ihr Problem. Erst später zog sie ihren Freund ins Vertrauen.
Mit Blasenschwäche offensiv umgehen
Sieht man die Windel? Trägt die Vorlage auf? Um nicht aufzufallen, wählen viele Patienten ihre Kleidung sehr bewusst. Frauen tragen oft Röcke; Männer bevorzugen weite Hosen - obschon moderne Inkontinenzprodukte kaum sichtbar sind und nicht mehr rascheln. Große Offenheit legt Hanspeter Stutz an den Tag.
"Auch das Wechseln der Windel verberge ich nicht", sagt der 56-Jährige, der seit sieben Jahren an einer Dranginkontinenz aufgrund einer Nervenkrankheit leidet. "Unterwegs frage ich offen, wo ich die nasse Windel lassen kann." Er habe die Erfahrung gemacht: Je selbstverständlicher es für ihn ist, umso selbstverständlicher ist es für seine Umgebung. "Wenn ich mit Freunden in den Urlaub fahre, sehen sie mich manchmal auch in Windel statt in Unterhose", erzählt der Schweizer. "Es wurmt ihn, dass Windeltragen bei Erwachsenen ein Tabuthema ist. "Andere brauchen Brillen, weil sie nichts sehen oder Rollstühle, weil sie nicht laufen können. Ich kann mich mit Windeln tipptopp bewegen."
Inkontinenz sei eigentlich eine der kleinsten Behinderungen, meint Hanspeter Stutz. Ärgerlich findet er es, wenn Betroffenen der Alltag unnötig erschwert wird. So verschwänden auf Schweizer Herren-WCs zunehmend die Abfalleimer, weil Papier durch Stoffhandtücher ersetzt wird. Auch in den Kabinen gäbe es keine Möglichkeit, Windeln zu entsorgen. "Also bleibt mir nichts übrig, als mit der nassen Windel in der Hand z.B. auf dem Korridor einen Mülleimer zu suchen. Das ist eine Zumutung."
*Name von der Redaktion geändert











