
Harndrang
Wenn öffentliche Auftritte zur Horrorvorstellung werden
Manche Zeitgenossen bekommen bei Aufregung feuchte Hände. Menschen, denen Stress auf die Blase schlägt, können darüber nur lächeln. Sie müssen ständig aufs WC und haben oft Angst, es nicht rechtzeitig zu schaffen.
Während der Trauung zur Toilette – das geht nicht!
Die eigene Hochzeit sollte einer der schönsten Tage im Leben sein. Für Melanie (Name geändert) ist aber schon der Gedanke daran eine Horrorvorstellung. Denn der jungen Frau schlägt Aufregung so sehr auf die Blase, dass sie etwa alle 20 Minuten aufs Örtchen muss. Nun steht ihre Hochzeit ins Haus und „da sollte ich die Stunde in der Kirche durchhalten, ohne auf Toilette zu müssen! Ich kann mir doch weder ins Hochzeitskleid pinkeln vor all unseren Verwandten und Freunden, noch den Pfarrer unterbrechen und sagen, dass ich mal kurz auf die Toilette muss. Was soll ich bloß machen? Ich habe solche Angst vor der Kirchenzeremonie und freue mich gleichzeitig so auf den Tag!“, schreibt sie im LIFELINE-Forum. „Windeln tragen“, lautet der Rat einer Leidensgenossin darauf, die bekennt, sich bei ihrer Hochzeit selbst so beholfen zu haben. „Du glaubst gar nicht, wie viele Brautpaare Windeln tragen“, meint sie.
Die Angst einzunässen, löst weiteren Stress aus
Bei einem einmaligen Ereignis wie einer Hochzeit oder einer Abschlussprüfung können Windeln unter Umständen eine Lösung sein. Melanie verspürt aber auch in anderen Situationen ständig Druck auf der Blase. Lange Busfahrten bereiten ihr Schwierigkeiten, sogar Kinobesuche sind oft ein Problem. Der starke Harndrang tritt immer in Situationen auf, in denen „ich vorher schon weiß, dass keine Toilette in der Nähe ist, oder ich einfach aufgeregt bin“, hat sie festgestellt. Experten beobachten einen solchen Zusammenhang häufiger: Die Sorge, es nicht rechtzeitig aufs WC zu schaffen, kann derart beunruhigend sein, dass sich Nervosität und Angst noch verstärken und ein „Teufelskreis“ entsteht. Betroffene sind gut beraten, sich Hilfe zu holen und die Hintergründe ihrer Beschwerden von einem Urologen und eventuell sogar von einem Psychologen oder Psychotherapeuten abklären zu lassen.
Blasentraining kann verstärkten Harndrang mindern
Erstaunlich: Eigentlich müsste Nervosität dazu führen, dass ein Mensch nicht mehr urinieren kann, erklärt Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel, Leiterin des Kontinenz-Zentrums Südwest an den Kliniken Schwenningen. „Denn der Körper schüttet bei Stress Hormone wie das Adrenalin aus, die die Blase hemmen. Da es bei Aufregung jedoch oft zu einem verstärkten Harndrang kommt, muss es eine andere Erklärung geben. Diese hat aber noch niemand gefunden“, berichtet die Urologin. Zeitgenossen, die bei Stress starken Harndrang verspüren, empfiehlt die Fachfrau, nicht sofort auf die Toilette zu gehen, sondern den Urin noch einige Zeit lang zurückhalten. Ihr Rat: „Kneifen Sie den Beckenboden ganz fest zusammen. Das löst einen hemmenden Effekt auf den Schließmuskel der Blase aus.“ Urologen nennen dieses Verhalten Blasentraining. Es bewirkt, dass das Fassungsvermögen der Blase steigt und seltener Harndrang auftritt.
Autogenes Training hilft, mit Stress besser umzugehen
Es besteht auch die Möglichkeit, die Blase mit Medikamenten zu beruhigen. Auf lange Sicht ist es aber sinnvoll, das Problem zu lösen, indem der Betroffene lernt, aufregende Situationen gelassener zu meistern. Dazu kann ein Verhaltenstraining oder eine Therapie sinnvoll sein. Auch das Erlernen einer Entspannungsmethode ist nützlich. „Vielen Patienten mit starkem Harndrang vor Prüfungen hilft zum Beispiel Autogenes Training“, sagt Schultz-Lampel. Das deckt sich mit den Ergebnissen der Stiftung Warentest, die festgestellt hat, dass Autogenes Training Beschwerden durch Stress reduzieren kann. Regelmäßiges Üben schaffe einen Rückkopplungsmechanismus, der zu einer besseren Kontrolle unwillkürlicher Prozesse führe. „Es ist nachgewiesen, dass parallel zu den Übungen körperliche Veränderungen vor sich gehen“, urteilt Stiftung Warentest im Ratgeber „Die Andere Medizin“. Das Geheimnis von Autogenem Training: Die Selbstversenkung bewirkt eine tiefe körperliche Entspannung, die auch Ängste und andere negative Gefühle abbaut. Von heute auf morgen ist dieser Effekt allerdings nicht zu haben. Experten empfehlen, Autogenes Training unter Anleitung zu lernen und täglich zu trainieren.












