Ratgeber
Tipps für effektives Beckenbodentraining
Ein Blick auf den Arm reicht bei Bizepsübungen, um zu beurteilen, ob die richtigen Muskeln trainiert werden. Beim Beckenbodentraining ist eine derartige visuelle Kontrolle kaum möglich. Fast alles muss erspürt werden. Darum erfordern die Übungen viel Konzentration. Doch die Mühe lohnt sich: Viele Frauen können durch das Training ihre Blasenschwäche lindern.
Eine Belastungsinkontinenz lässt sich durch ein Beckenbodentraining oftmals sogar komplett beheben. Denn diese Form der Inkontinenz ist meistens auf einen zu schwachen Beckenboden zurückzuführen. "Nach Geburten und Operationen habe ich bei meinen Patientinnen sehr gute Erfahrungen gemacht. Selbst bei ganz alten Frauen zeigt die Gymnastik häufig gute Wirkung", berichtet Astrid Landmesser, Physiotherapeutin und Referentin der Gesellschaft für Inkontinenzhilfe (GIH). Am besten beginnen Frauen schon vor - oder zumindest während - der Schwangerschaft mit der Beckenbodengymnastik. So können sie verhindern, dass es überhaupt erst zu einer Belastungsharninkontinenz kommt, meint Prof. Heinz Kölbl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Gynäkologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Fantasiebilder helfen bei der Körperwahrnehmung
Das Wichtigste ist bei den Übungen zunächst, ein Gefühl für die Muskeln des Beckenbodens zu entwickeln. "So wird sichergestellt, dass bei der Therapie statt der Gesäß- und Bauchmuskeln auch wirklich der Beckenboden trainiert wird", meint Landmesser.
Geschult werden kann die Körperwahrnehmung durch Fantasiebilder, indem sich die Patientin etwa vorstellt, ihr Beckenboden sei eine Blüte, die sich weit öffnet und wieder schließt. Frauen, denen diese Art Autosuggestion zu esoterisch anmutet, können ihre Vagina mit zwei Fingern austasten und die Muskelwände anspannen und wieder entspannen. Physiotherapeutinnen wenden das vaginale Tasten, das zugleich schon Beckenbodentraining ist, auch als Muskeltest an. Oft ermuntern sie ihre Patientinnen zudem, einen Handspiegel zu benutzen, um das Heben und Senken des Beckenbodens zu kontrollieren.
Niemals den Beckenboden ständig anspannen
Bei allen Beckenbodenübungen ist die Entspannungsphase sehr wichtig und sollte nie übergangen werden. "Die immer noch sehr verbreitete Auffassung, man müsse den Beckenboden immer anspannen, ist falsch. Wer verlernt, den Beckenboden zu entspannen, bekommt Probleme mit der Ausscheidung von Harn und Stuhl sowie eventuell mit der Sexualität", sagt Landmesser. Die Physiotherapeutin rät deshalb auch davon ab, beim Wasserlassen mehrmals den Harnstrahl zu unterbrechen. Denn Folge dieser Übungen sind oft ein verspannter (hypertoner) Beckenboden und eine Reizblase.
Ebenfalls ein gutes Gespür für den Beckenboden verleiht eine Übung von Benita Cantieni, Autorin des Buches "Tiger Feeling: Das sinnliche Beckenbodentraining": In bequemer Rückenlage mit angewinkelten und auseinander geklappten Beinen eine Hand in den Schritt legen, dann versuchen, die flache Hand in den Körper zu saugen. Frauen, die bei dieser Übung am Damm tatsächlich einer kleiner Sog verspüren, versichert Cantieni: "Das ist's. Jetzt müssen Sie nur noch fleißig trainieren, und dieser kleine, anfangs fast unmerkliche Sog wird innerhalb von wenigen Tagen sehr powervoll."
Persönliches Trainingsprogramm ist empfehlenswert
Frauen, die unter Belastungsinkontinenz leiden, sollten sich nicht scheuen, ihren Arzt um ein Rezept für eine spezialisierte Physiotherapie zu bitten. Denn unter Anleitung haben Patientinnen die Sicherheit, tatsächlich die richtigen Muskeln zu trainieren. "Hinzu kommt: Die Probleme der Frauen sind so vielfältig, dass jede Frau eigentlich ein persönliches Trainingsprogramm braucht", sagt Landmesser. Bei manchen Frauen verbessert sich die Blasenschwäche schon nach 6 Behandlungsstunden, gelegentlich sind jedoch bis zu 18 Übungseinheiten nötig. Nach der Behandlung hießt es jedoch weiterhin: üben, üben, üben. Anderenfalls verebbt der Erfolg leicht wieder.
Anlaufadressen Beckenbodenspezialisten
Adressen von Physiotherapeutinnen, die auf den Beckenboden spezialisiert sind, finden sich auf der Internetseite der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologie Geburtshilfe Urologie Proktologie.
bsmo-Gespräch mit Prof. Heinz Kölbl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Gynäkologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Benita Cantieni, "Tiger Feeling: Das sinnliche Beckenbodentraining", Verlag Gesundheit, 1997











