
Diabetes mellitus
Verkannte Verbindung: zuckerkrank und blasenschwach
Ein hoher Blutzuckerspiegel schadet der Blasenfunktion. Je länger ein Typ-2-Diabetes besteht, umso gefährdeter ist der Erkrankte, eine Harninkontinenz zu entwickeln. Am häufigsten tritt eine überaktive Blase auf.
Zuckerkranke Frauen sind öfters inkontinent als Männer mit Diabetes
Wenig bekannt, aber wahr: Menschen mit Typ-2-Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für eine Blasenschwäche. Oft bleibt der Zusammenhang zwischen Diabetes mellitus Typ 2 und Harninkontinenz jedoch unerkannt. Die Folge davon ist, dass die Betroffenen sich mit Einlagen und Windeln behelfen, obschon eine Behandlung das Einnässen bessern und die Lebensqualität erhöhen könnte.
Vor allem eine im Jahr 2005 veröffentlichte große US-amerikanische Studie machte auf das Phänomen aufmerksam. Sie ergab, dass im Jahr 1996 rund 17,6 Prozent der mehr als 81.000 Teilnehmerinnen über eine Harninkontinenz berichteten. Die Typ-2-Diabetikerinnen darunter hatten ein deutlich höheres Risiko an einer Blasenschwäche zu erkranken als ihre Geschlechtsgenossinnen. Litten die Frauen länger als zehn Jahre an einem erhöhtem Blutzuckerspiegel, verdoppelte sich die Wahrscheinlichkeit für unkontrollierten Urinverlust in vielen Fällen sogar.
Für Frauen mit Diabetes ist die Gefahr, eine Inkontinenz zu entwickeln größer als für zuckerkranke Männer. Bei einer Befragung von rund 4.000 Typ-2-Diabetikern stellten Wissenschaftler der Universität Witten/Herdecke im Jahr 2006 fest, dass 48,5 Prozent der Frauen und 27,5 Prozent der Männer inkontinent waren. Daneben plagten die Diabetiker noch weitere Miktionsbeschwerden. Am häufigsten nannten sie: nachts oft auf die Toilette müssen (Nykturie) und vermehrtes Urinieren, bei dem aber immer nur wenig Harn kommt (Pollakisurie).
Insgesamt hatten 65,6 Prozent der Männer mit Diabetes und 70,4 Prozent der Frauen mit Diabetes Probleme beim Wasserlassen. Umso älter die Menschen waren und je länger die Zuckerkrankheit bestand, desto mehr Diabetiker litten an Blasenstörungen. Nach acht Jahren Typ-2-Diabetes hatten die Patienten doppelt so oft Beschwerden mit dem Harntrakt wie Nicht-Diabetiker, berichtet einer der Studienautoren, Dr. Andreas Wiedemann.
Gestörter Zuckerstoffwechsel kann zu verschiedenen Blasenproblemen führen
Wie Diabetes die Funktion des Harntrakts genau beeinträchtigt, ist noch nicht geklärt. Fest steht aber, dass ein dauerhaft erhöhter Blutzucker die Nerven schädigt, die das Entleeren der Blasen steuern. „Lange Zeit dachten Mediziner, dass es dadurch zu einer Unterfunktion der Blasennerven kommt und die Betroffenen die Blase nicht vollständig einleeren können“, erklärt die Urologin Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel. „Heute wissen wir, dass Diabetes auch zu einer Überfunktion der Nerven führen kann, bei der sie die Blase übermäßig zum Zusammenziehen bringen. Diabetiker können also verschiedene Störungen haben: Überlaufinkontinenz mit Restharn oder eine überaktive Blase mit Dranginkontinenz.
Meistens handelt es sich bei Diabetikern jedoch um eine überaktive Blase, ergab die Untersuchung der Uni Witten/Herdecke. Dabei entleert sich die Blase verfrüht, obwohl sie erst gering gefüllt ist und meldet sich mit starkem Harndrang, der den Weg zur nächsten Toilette vielfach zu lang werden lässt, so dass der Urin schon vorher ungewollt verloren geht. Im Gegensatz dazu ist die Blase bei einer Überlaufinkontinenz prallvoll, kann sich aber nicht aktiv entleeren. Oft spüren die Betroffenen keinen Harndrang. Dennoch verlieren sie ständig kleine Mengen Urin.
Bei Typ-2-Diabetes regelmäßig den Harntrakt untersuchen lassen
Auch wenn Blasenstörungen durch Diabetes nicht heilbar sind, lassen sich die Beschwerden mit Medikamenten zumindest lindern. Das Wichtigste ist aber eine konsequente Diabetestherapie, um den erhöhten Blutzucker im Zaum zu halten. Das schützt vor Folgeerkrankungen – auch vor Harninkontinenz. Zudem sollten Diabetiker ihre Blase beobachten und sich nicht scheuen bei Auffälligkeiten - z.B. bei Harnwegsinfekten, bei häufigem Wasserlassen, vermehrtem nächtlichen Austreten, dem Gefühl der unvollständigen oder erschwerten Blasenentleerung - einen Arzt aufzusuchen, um einer schweren Form der Inkontinenz vorzubeugen.
Experten plädieren sogar dafür, dass Diabetiker routinemäßig ihren unteren Harntrakt untersuchen lassen sollten. Zudem müssten Schulungen für Diabetiker auch den Bereich Blasenfunktionsstörungen und Harninkontinenz behandeln, fordern die beiden Autoren der „Wittener Diabeteserhebung“ Dr. Andreas Wiedemann und Prof. Dr. Ingo Füsgen und verweisen auf ein Ergebnis ihrer Befragung. Demnach benutzen rund 72 Prozent der befragten Diabetikerinnen und knapp 25 Prozent der Diabetiker regelmäßig Vorlagen. Das sei, urteilen sie, eine ungemessene Selbstversorgung, die nicht akzeptiert werden sollte.












