
Harndrang & Harnverhalt
Wenn Stress und Aufregung auf die Blase schlagen
Vor Prüfungen herrscht auf Toiletten oft Gedrängel. Denn viele Menschen müssen ständig aufs WC, wenn sie nervös sind. Andere hingegen können plötzlich kein Wasser mehr lassen. Blasentraining und Entspannung helfen.
Marion kennt es von ihrer Uniprüfung, Kevin von einem Vorstellungsgespräch und Walter vom 60. Geburtstag seiner Frau, wo er eine Rede gehalten hat: Vor lauter Aufregung hatten die drei ständig das Gefühl, auf die Toilette zu müssen. Doch Stress kann den Drang zum Urinieren nicht nur verstärken. Er kann auch dazu führen, dass jemand sich nicht zu erleichtern vermag. „Eine typische Situation ist, dass jemand auf dem WC sitzt und kein Wasser lassen kann, weil Leute vor der Tür warten und drängeln“, berichtet Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel, Leiterin des Kontinenzzentrum Südwest an den Kliniken Schwenningen.
Unruhe und Belastungen könnten sich ganz unterschiedlich auswirken, urteilt die Expertin. „Es gibt Leute, die können bei Stress plötzlich gar nicht mehr urinieren und haben fast eine Art Harnverhalt. Andere rennen bei Stress ständig zur Toilette.“ Erstaunlich ist: Von der medizinischen Seite her müsste es bei Aufregung eigentlich zu einem Urinier-Stopp kommen. „Denn der Körper schüttet bei Stress Hormone wie das Adrenalin aus, die die Blase hemmen. Da es jedoch oft zu einem verstärkten Harndrang kommt, muss es eine andere Erklärung geben. Diese hat aber noch niemand gefunden“, erklärt die Urologin.
Nicht immer gleich zur Toilette rennen
Den Menschen, die bei Stress und Nervosität starken Druck auf der Blase spüren, rät Schultz-Lampel: „Gehen Sie lieber nicht sofort auf die Toilette, sonst geraten Sie leicht in eine Art Teufelskreis und müssen immer öfter. Besser ist es, wenn Sie dem ersten Drang nicht sofort nachgeben, sondern den Harn zurückhalten“, sagt die Fachärztin und verrät einen Trick: „Kneifen Sie den Beckenboden ganz fest zusammen. Das löst einen hemmenden Effekt auf den Schließmuskel der Blase aus.“ So mildere sich der Blasenreiz und es dauere noch eine ganze Weile, bis wirklich ein WC-Besuch nötig wird. „Dieses Verhalten bezeichnen Urologen auch als Blasentraining“, erklärt die Expertin. Es steigert das Fassungsvolumen der Blase, so tritt seltener ein Druckgefühl auf.
Es klingt verlockend: Vor einer Prüfung eine Arznei einnehmen und der Harndrang ist passé. Doch diese Möglichkeit existiert leider nicht. „Alle Medikamente, die die Blase beruhigen, brauchen einige Tage bis Wochen, um ihre Wirkung zu entfalten. Damit eignen sie sich nicht für einmalige Situationen“, erläutert Schultz-Lampel. Theoretisch bestehe zwar die Möglichkeit, die Blase durch Antidepressiva oder Neuroleptika zu beruhigen. „Diese Mittel sollte jemand vor einer Prüfung aber sicher nicht einnehmen, da sie einen benommen machen können.“ Als Alternative empfiehlt die Urologin Entspannungsübungen. „Vielen Patienten mit starkem Harndrang vor Prüfungen hilft zum Beispiel Autogenes Training“, berichtet sie.
Eine Reizblase hat oft mehrere Ursachen
Es gibt Menschen, die müssen nicht nur vor Prüfungen oder einem Vorstellungsgespräch oft austreten, sondern es drängt sie ständig zur Toilette. Mediziner sprechen dann von einer Reizblase. Die kann vielfältige Ursachen haben; oft kommen mehrere zusammen. „Blasenentzündungen, hormonelle Veränderungen oder ein schwaches Bindegewebe können ebenso eine Rolle spielen, wie eine starke seelische Anspannung oder die Geburt eines Kindes“, sagt die Urologin Dr. Barbara Sinner. Die anatomischen und hormonellen Unterschiede tragen dazu bei, dass Frauen viel häufiger an einer Reizblase leiden als Männer.
Viele Betroffene versuchen das Problem in den Griff zu bekommen, indem sie weniger trinken. Damit erreichen sie jedoch das genaue Gegenteil: Mit der Zeit sinkt das Fassungsvermögen der Blase und verschlimmert so den Harndrang noch. Außerdem unterstützt ausreichendes Trinken die natürlichen Funktionen der Blase und sorgt dafür, dass der Körper Keime und kleine Harnsteine herausspülen kann.
Um eine Reizblase zu bessern, empfehlen Mediziner Beckenbodenübungen und Blasentraining. Außerdem können Medikamente helfen. Zum Einsatz kommen vor allem sogenannte Anticholinergika, die Ärzte ebenso bei einer Dranginkontinenz verschreiben. Aber auch pflanzliche Präparate mit Goldrutenkraut können die Beschwerden lindern.












