
Psychosomatik
Die Blase - Spiegel der Psyche
Ob blasenkrank oder nicht: Vor einem Vorstellungsgespräch, einem Referat oder einer Prüfung meldet sich die Blase bei den meisten Frauen und Männern fast stündlich. Das ist leicht zu erklären: Die Blase wird stark durch das vegetative Nervensystem innerviert. Und so steigen bei Aufregung nicht nur Puls und Schweißproduktion - auch die Toilettengänge werden häufiger.
Die Physiotherapeutin Sigrid Klotzbach aus Wiesbaden ist daher nicht erstaunt, dass viele Patientinnen die wegen ständigen Harndrangs (Reizblase) zu ihr kommen, zugleich unter ausgeprägter Nervosität leiden: Die Frauen sind unruhig, schwitzen schnell und schlafen schlecht. Zudem klagen sie häufig über Stimmungsschwankungen. "Weitgefasst könnte man bei diesen Patientinnen schon sagen, dass die Blase ein Spiegel der Seele ist", sagt Klotzbach.
Psychische Faktoren können Belastungsinkontinenz verstärken
Auch Mediziner wie Dr. Annette Maleika, Oberärztin an der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg, stimmen der Physiotherapeutin zu: "Ich bin überzeugt, dass es Blasenstörungen gibt, die psychische Ursachen haben." Sicherlich besteht für die meisten Fälle von Reizblase oder Inkontinenz (unkontrollierter Urinverlust) ein körperlicher Grund. "Findet sich klinisch oder urodynamisch aber keine Ursache, ist eine Nachforschung auf psychosomatischem Gebiet gerechtfertigt", meint Maleika. Möglich sind auch Mischformen: So kann eine Frau wegen einer Beckenbodenschwäche unter einer Belastungsinkontinenz leiden, die jedoch durch psychische Faktoren verstärkt wird.
"Inkontinenz manchmal Zeichen für sexuellen Missbrauch"
Zu den psychischen Ursachen von Blasenschwäche gehören nicht nur Stress und Nervosität. "Inkontinenz kann auch ein Zeichen für sexuellen Missbrauch sein", sagt der Urologe Dr. Hermann J. Berberich aus Frankfurt a.M., dessen Spezialgebiet Psychosomatik und Sexualmedizin ist. So nässen z.B. manche Mädchen ein, um durch den Uringeruch nicht mehr attraktiv auf den Täter zu wirken.
Depression, Aggression - Ebenfalls mögliche Ursachen
Auch wenn Bewohner im Altenheim inkontinent werden, ist dies nicht immer nur körperlich begründet. "Harninkontinenz kann bei ihnen Ausdruck einer Depression sein. Wenn alte Menschen einnässen, wollen sie damit oft auch sagen: 'Mir ist alles egal'", so Berberich. Hinzu kommt, dass für manche Heimbewohner eine nasse Windel häufig der einzige Weg sein kann, von den Betreuern Zuwendung zu erfahren. Häufiger Harndrang - nicht unbedingt eine Inkontinenz - ist in manchen Fällen zudem als unterdrückte Aggressionen zu deuten, meint Berberich. "Besonders Frauen mit gehemmten Aggressionen lassen auf diese Weise häufig inneren Druck ab."
Wie sich eine unbefriedigte Sexualität auf die Blase auswirken kann
Der Wiesbadener Physiotherapeutin Klotzbach fällt auf, dass viele Frauen, die wegen einer instabilen Blase zu ihr kommen, Probleme mit der Partnerschaft oder ihrer Sexualität haben. Berberich liefert für diesen Zusammenhang eine Erklärung: Während des Liebesakts strömt vermehrt Blut in den Genitalbereich, nach dem Orgasmus fließt es wieder ab. Erlebt eine Frau jedoch fast nie einen Orgasmus, staut sich das Blut. Dies führt zu einer chronischen Reizung des Harnröhrenabgangs, der gegenüber der Scheide liegt. Diese Begründung scheint jedoch sehr hypothetisch: Klotzbach hat auch mit blasenschwachen Frauen gesprochen, die mangels Partner mit ihrer Sexualität unzufrieden waren. (kig)
Quellen: BSMO-Gespräch mit Sigrid Klotzbach, Physiotherapeutin und Heilpraktikerin in Wiesbaden, Lehrerin an der Schule Hanne Marquardt in Königsfeld-Burgberg (Schwarzwald); BSMO-Gespräch mit Dr. Annette Maleika, Oberärztin an der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg; BSMO-Gespräch mit Dr. Hermann J. Berberich, Urologe in Frankfurt a.M.












