Psychosomatik
Wenn die Seele auf die Blase drückt
Der Volksmund sagt es deutlich: Wer Angst hat, "macht sich in die Hose". Und wer sich ärgert, fühlt sich "angepisst". Tatsächlich können psychische Faktoren eine Blasenschwäche verstärken oder sogar auslösen. Einnässen kann ein Schrei nach Liebe sein oder aber ein Hilferuf bei sexuellem Missbrauch. Manchmal fungiert Nassmachen auch als Mittel, um Druck abzulassen.
"Wie jede chronische Erkrankung stellt Harninkontinenz eine große Belastung dar und beeinträchtigt das Selbstbild. Insofern sind psychische Faktoren immer beteiligt", sagt Dr. Hermann J. Berberich, Urologe und Psychotherapeut in Frankfurt am Main. Manchmal kämen sie als Verstärkung hinzu. In anderen Fällen sei die Frage, ob sie Ursache oder Folge der Blasenschwäche seien. Beispiel: Igelt sich ein Kind ein, weil es ins Bett macht oder ist eine psychische Traumatisierung der Grund, warum es einnässt?
Reizblase deutet oft auf Angst oder Depressionen
Zu den häufigsten psychosomatisch bedingten urologischen Erkrankungen gehört die Reizblase der Frau, weiß Dr. Horst Neubauer, Facharzt für Urologie und für Psychotherapeutische Medizin aus Göttingen. Zwar gibt es verschiedene organische Ursachen für einen vermehrten, starken und schmerzhaften Harndrang. So kann der Reizzustand z.B. durch Entzündungen, Blasensteine oder den Druck von Nachbarorganen ausgelöst werden. Letzteres ist bei Frauen oft durch die vergrößerte Gebärmutter in der Schwangerschaft zu beobachten. Kann der Arzt organische Hintergründe jedoch ausschließen, lohnt sich ein Blick auf die seelische Verfassung der Patientin. Möglicherweise beruhen die Beschwerden auf einer Depression oder Angsterkrankung.
Einnässen, um Aggressionen abzubauen
Auch unterdrückte Aggressionen können hinter einer Inkontinenz stecken. Umgangssprachlich heißt es treffend: Jemand fühlt sich "angepisst". "Besonders Frauen lassen auf diese Weise inneren Druck ab", berichtet Berberich. Die Hintergründe lägen in der weiblichen Sozialisation. Anders als bei Männern sei es nach wie vor gesellschaftlich verpönt, wenn Frauen Wut und Ärger offen zeigen.
Inkontinenz kann ein Schrei nach Liebe sein
Nicht immer treten psychische Ursachen für Harninkontinenz so deutlich zu Tage wie bei Kindern, die wieder zu Bettnässern werden. Meist lösen Veränderungen in der Lebenssituation diese sekundäre Enuresis aus. Trennung der Eltern, ein neues Geschwisterkind oder ein Umzug können schuld sein. Dem Kind fehlt Liebe und Zuwendung, das Bettnässen symbolisiert das. Ein ähnlicher Mechanismus sei aus Altersheimen bekannt, erklärt Berberich. "Bedingt durch die Arbeitsbelastung des Pflegepersonals ist eine nasse Windel häufig das einzige Mittel für einen Patienten, um die Schwester zu sehen."
Windel als Schutz vor sexueller Gewalt
Inkontinenz als Mittel zur Abwehr ist bei sexuellem Missbrauch bekannt. So berichtet Urologe Neubauer von einer 19-jährigen Patientin, die sich durch Einnässen und das Tragen einer Windel vor sexuellen Übergriffen ihres Vaters zu schützen versuchte. Auch sein Fachkollege Berberich behandelt mehrere Inkontinenz-Patientinnen, bei denen sexueller Missbrauch eine Rolle spielt. "Bislang kennen wir solche Fälle vor allem bei Mädchen. Das heißt aber nicht, dass so etwas bei Jungen nicht vorkommt. Das Tabu, darüber zu reden, ist bei ihnen nur ungleich größer."
Bei Inkontinenz ist ein ganzheitlicher Ansatz gefragt
Viele Beispiele illustrieren, wie die Psyche auf die Blase drückt. Dennoch werden psychosomatische Aspekte bei der Diagnostik von Blasenschwäche zu wenig und zu spät einbezogen, urteilt Fachmann Neubauer. Er plädiert für einen ganzheitlichen Ansatz: "Bei Harninkontinenz sollte ein Urologe immer auch schauen, was sagt die Seele und der Körper damit." (mj)
Quellen: BSMO-Gespräche mit Dr. Hermann J. Berberich, Facharzt für Urologie und für Psychotherapeutische Medizin und Dr. Horst Neubauer, Facharzt für Urologie und für Psychotherapeutische Medizin sowie Dr. Horst Neubauer/Dr. Maria E. Neubauer, Wenn die Blase weint ..., Der Urologe (3/2004)











