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Dranginkontinenz oder Prostatabeschwerden?

Es passiert Peter L. seit einiger Zeit häufiger: Plötzlich verspürt er einen starken Harndrang. Nicht immer schafft er es dann noch bis zur nächsten Toilette. Beschämt und verunsichert beginnt der 49-Jährige im Internet zu recherchieren. Dabei stößt er auf zwei mögliche Ursachen seines Problems: Prostatavergrößerung und Dranginkontinenz. Wie lassen sie die Erkrankungen unterscheiden?

"Ein Kriterium bei der Unterscheidung zwischen Prostatavergrößerung und Dranginkontinenz kann das Alter eines Mannes sein", sagt Professorin Daniela Schultz-Lampel, Leiterin des Kontinenzzentrums Südwest am Klinikum Villingen-Schwenningen. "Eine gutartige Prostatavergrößerung betrifft in erster Linie Männer ab 50." Denn erst im Alter beginnt die männliche Vorsteherdrüse zu wachsen. Das ist grundsätzlich nichts Beunruhigendes. Medizinisch relevant wird eine vergrößerte Prostata erst, wenn sie Probleme beim Wasserlassen verursacht. Bei den 50-Jährigen sind etwa 20%, bei den 70-Jährigen rund 50% und bei den 80-Jährigen über 90% so stark betroffen, dass die Prostatavergrößerung (benigne Prostatahyperplasie oder BPH) behandelt werden muss. Der Grund ist, dass das Wachstum der Prostata die Harnröhre verengt. Sie führt nämlich mitten durch sie hindurch. Wird die Prostata zu groß, muss sie gegebenenfalls operiert werden. Dabei kann es zu Verletzungen des Schließmuskels der Blase kommen. Folge: unkontrollierter Harnverlust. Doch nur 2-5% aller Operierten erleben diese Komplikation.

Fehlendes Nachtröpfeln deutet auf eine Dranginkontienz

Weitere Anhaltspunkte bei der Klärung "Prostatavergrößerung oder Dranginkontinenz" liefert ein detaillierter Blick auf die Probleme beim Urinieren. Typische Anzeichen einer gutartigen Prostatavergrößerung sind häufiger Harndrang, auch nachts. Gleichzeitig leiden betroffene Männer aber unter Startschwierigkeiten beim Wasserlassen. "Der Harnstrahl ist abgeschwächt", erklärt Urologin Schultz-Lampel. "Es dauert, bis er in Fahrt kommt und tröpfelt nach." Meist wird die Blase zudem nicht vollständig entleert. Anders bei einer Dranginkontinenz. Hier äußerst sich der Harndrang tagsüber, nicht nachts. Der Urinstrahl ist sehr gut. Die Harnmenge eher klein. Kein verzögertes Wasserlassen, keine Nachtröpfeln, kein Restharn in der Blase. Bei einer Dranginkontinenz ist die Blase nämlich überaktiv. Sie entleert sich, obwohl sie noch gar nicht voll ist. Dies geschieht, weil sich die Muskeln in der Blasenwand plötzlich krampfartig zusammenziehen. Als Ursachen für eine Dranginkontinenz kommen verschiedene Dinge in Betracht: Entzündungen in der Blase oder Harnröhre, fortgeschrittenes Alter aber auch Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Morbus Parkinson oder Schlaganfall.

IPSS-Fragebogen hilft bei der Diagnose einer Prostatavergrößerung

Um zu klären, welche Ursache plötzlicher Harnabgang hat, bittet der Arzt den Patienten unter anderem, seine Toilettengänge zu protokollieren. Dabei soll er festhalten, ob er nachts oder tags muss und wie groß die Urinmenge ist. Um einer Prostatavergrößerung auf die Spur zu kommen, steht Urologen der Internationale Prostata-Symptomen-Score (IPSS) zur Verfügung. Der Test besteht aus sieben Fragen, die auf einer Scala von "niemals" bis "fünfmal und mehr" beantwortet werden müssen. Der Arzt erhält so auch Aufschluss über die Schwere der Erkrankung. Stellt er eine Prostatavergrößerung als Ursache des unfreiwilligen Harnabgangs fest, behandelt er diese zuerst. Tritt danach keine Besserung ein, wird er nach weiteren Gründen forschen.

Dranginkontinenz ist gut behandelbar

Bei Peter L. lautet die ärztliche Diagnose "Dranginkontinenz". Um sie zu behandeln, setzt sein Urologe auf eine kombinierte Therapie. Einerseits absolviert Peter L. ein Toilettentraining, bei dem er nach einem festen Zeitplan trinkt und uriniert. So soll seine Blase gestärkt und die Abstände zwischen den Toilettengängen vergrößert werden. Andererseits nimmt er Medikamente, die die Blase entspannen und den Harndrang lindern. (mj)

Quelle: BSMO-Gespräch mit Professorin Daniela Schultz-Lampel, Leiterin des Kontinenzzentrums Südwest am Klinikum Villingen-Schwenningen


Autor: Springer Medizin
Stand: Jul 16, 2004


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