Männer
Plötzlicher Harndrang - nicht immer ist die Prostata schuld
Blasenbeschwerden halten die meisten Männer für Begleiterscheinungen einer vergrößerten Prostata. Doch oft ist eine überaktive Blase dafür verantwortlich. Das hat Auswirkungen auf die Therapie.
Eine vergrößerte Prostata und Blasenprobleme treten oft als Duo auf. Da die Prostata die Harnröhre umschließt, engt eine Vergrößerung diese ein. Die Blase muss daher mehr Kraft aufbringen, um den Urin durch die verengte Harnröhre zu pressen. Betroffene bemerken das selbst oft daran, dass sie schlecht Wasser lassen können, dass es etwas dauert, bis der Harnstahl einsetzt und dass gegen Ende des Toilettengangs Urin nachtröpfelt.
Trotz verstärkter Anstrengung gelingt es bei einer vergrößerten Prostata (benignes Prostatasyndrom, kurz BPS) nicht immer, die Blase vollständig zu entleeren. Es bleibt Restharn zurück, der Bakterien einen Nährboden bietet und zu schmerzhaften Entzündungen führen kann. Weitere schwerwiegende Folgen können z.B. Nierenversagen und Harnverhalt sein. Blasenprobleme durch eine vergrößerte Prostata sollten daher therapiert werden. Dies geschieht meistens mit Medikamenten, es kann aber auch eine Operation nötig sein.
Überlappende Symptome erschweren die Diagnose
Doch nicht immer bessert die Behandlung der vergrößerten Prostata auch den vermehrten und plötzlich einsetzten Harndrang, den viele betroffene Männer verspüren. Denn hinter den Störungen beim Wasserlassen kann auch eine überaktive Blase (overactive bladder, kurz OAB) stecken. Sie ist eine Folge des Älterwerdens, bei der das Zusammenspiel zwischen Blase und Gehirn nicht mehr einwandfrei funktioniert.
Die Symptome einer vergrößerten Prostata und einer überaktiven Blase überlappen sich. Das macht es schwer, sie richtig zu identifizieren. Erst eine genaue Untersuchung mit einer Blasendruckmessung könne zeigen, ob eine vergrößerte Prostata oder Alterungsprozesse im Gehirn oder beide Erkrankungen für die Drangsymptome verantwortlich ist, erklärt Professorin Dr. Daniela Schultz-Lampel. Hinweise, dass es sich um eine altersbedingte Störung im Gehirn handelt, seien z.B. eine verminderte Merkfähigkeit oder Schwindelgefühle, sagt die Leiterin des Kontinenz-Zentrums Südwest am Schwarzwald-Baar Klinikum Villingen-Schwenningen.
Überaktive Blase bei Männern oft nicht ideal behandelt
Wenn eine überaktive Blase für die Drangsymptome verantwortlich ist, muss die Therapie hier ansetzen und nicht bei der vergrößerten Prostata. Die Realität sieht aber oft anders aus. Nur 40 Prozent der Männer mit einer überaktiven Blase, die medikamentös behandelt werden, erhalten ein Anticholinergikum, berichtet die Urologin Dr. Elke Heßdörfer. Dabei hat sich gezeigt, dass Anticholinerigika auch bei Männern gut wirksam sind; bei Frauen sind diese Mittel sowieso die Standardtherapie. Aber viele Ärzte haben Bedenken, Anticholinerigika einzusetzen, weil sie einen Harnverhalt und eine Zunahme des Restharns fürchten. Die Studien, die dazu vorliegen, bestätigten dies nicht. Doch wenn ein Patient Anticholinerigika einnimmt, sei es sehr wichtig, den Restharn regelmäßig zu kontrollieren, betont Schultz-Lampel.
Inzwischen haben Urologen Anticholinerigika als Behandlungsoption in die neuen europäischen Leitlinien aus dem Jahr 2010 aufgenommen. Die Medikamente könnten entweder als Monotherapie oder in Kombination mit Alphablockern genommen werden, heißt es dort. Falls jedoch der Verdacht besteht, dass bei den Beschwerden zusätzlich eine Verengung der Harnwege eine Rolle spielt, sollten Anticholinerigika nicht oder nur mit größter Vorsicht zum Einsatz kommen. Denn durch die Muskeln entspannende Wirkung der Präparate besteht die Gefahr eines Harnverhalts, so dass der Betroffene kein Wasser mehr lassen kann und ärztliche Hilfe braucht.


