Was steckt hinter kindlichem Einnässen?

Enuresis: Was gegen Einnässen bei Kindern hilft

Bettnässen ist bei Kindern bis zu einem gewissen Alter ganz normal. Wenn aber Schulkinder noch des Öfteren einnässen, ist es Zeit für eine Klärung: Steckt dahinter eine Enuresis oder aber kindliche Inkontinenz? Danach kann eine gezielte Behandlung beginnen.

Mädchen schläft mit Kuscheltier im Arm
Einnässen oder Bettnässen kommt bei Kindern häufiger vor als man denkt und sollte kein Tabuthema sein!
(c) Stockbyte

Bei einem Fernsehquiz gäbe es für die richtige Antwort nicht nur ein paar, sondern gleich ein paar tausend Euro. Denn die Frage, wie viele Kinder einnässen, ist nicht einfach zu beantworten. Die meisten Menschen unterschätzen die Zahl und sind überrascht, dass es zwischen zehn und 15 Prozent der Fünf- bis Zwölfjährigen sind, denen mal Urin ins Bett oder in die Hose geht. Doch diese Frage wird kaum ein Quizmaster stellen, denn Einnässen ist bei Kindern fast ebenso stark tabuisiert wie bei Erwachsenen.

Dabei müssten die Knirpse und ihre Eltern sich nicht mit Scham oder gar Schuldgefühlen quälen, denn bis zum fünften Lebensjahr ist Bettnässen bei Kindern völlig normal. Älteren Jungen und Mädchen kann außerdem gut geholfen werden.

Primäre und sekundäre Enuresis – oder doch kindliche Inkontinenz?

Mediziner unterscheiden zwischen reinem Bettnässen (Enuresis) und kindlicher Inkontinenz.

Enuresis

Bettnässen liegt vor, wenn ein Kind nach seinem fünften Lebensjahr mindestens zwei Nächte im Monat im Schlaf Urin verliert, ohne dass es einen Harnwegsinfekt hat oder tagsüber ins Höschen macht. Das sei die häufigste Form des Einnässens, sagt Dr. Daniela Schultz-Lampel: "Rund 33 Prozent der Fünfjährigen nässen noch nachts ein." Der Leiterin des Kontinenz-Zentrums Villingen-Schwennigen zufolge bilden sich die Symptome jedoch in jedem weiteren Lebensjahr bei etwa 15 Prozent der betroffenen Kinder von allein zurück und müssen nicht behandelt werden.

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Es gibt eine primäre Enuresis, die von Geburt an ohne eine längere trockene Phase besteht und eine sekundäre Enuresis, bei der das Kind wieder ins Bett macht, nachdem es schon einmal mindestens sechs Monate trocken war. "In drei bis vier Prozent der Fälle bleibt das Einnässen auch über das 18. Lebensjahr hinaus bestehen. Dies nennt sich dann adulte Enuresis", erklärt die Fachärztin.

Bei einer Sonderform, der Lach- oder Giggle-Inkontinenz, entleert sich die Blase beim Lachen. Sie betrifft vor allem Mädchen zwischen acht und zwölf Jahren und verschwindet mit der Pubertät. In diesem Artikel erfahren Sie mehr darüber.

Kindliche Inkontinenz

Bei einer kindlichen Inkontinenz kann das Kind zwar ebenfalls nachts einnässen, es hat aber auch tagsüber Schwierigkeiten mit dem Wasserlassen. Diese müssen sich nicht durch Einnässen äußern: Ärzte sprechen auch von kindlicher Harninkontinenz, wenn

  • der Harndrang sehr plötzlich einsetzt
  • das Kind auffällig oft zur Toilette geht
  • den Urin aufhält
  • beim Wasserlassen Brennen oder Schmerzen verspürt oder
  • an Harnwegsinfekten leidet.

Die kindliche Inkontinenz ist seltener als die Enuresis und betrifft nur 15 bis 20 Prozent der einnässenden Kinder. Mitunter sei sie nur schwer von der Enuresis zu unterscheiden, "da Tagsymptome oft kompensiert oder verdeckt werden und nur dann auffallen, wenn das Kind krank oder müde ist", erklärt Schultz-Lampel. Die Ursachen der kindlichen Harninkontinenz liegen aber anderswo als beim alleinigen Bettnässen: Sie kann laut der Expertin mit körperlichen oder neurologischen Auffälligkeiten sowie Anomalien des Harntrakts verbunden sein.

Ursachen fürs Einnässen: Psyche spielt geringe Rolle

Die Ursachen des Bettnässens sind nicht vollständig geklärt. Urologen glauben, dass Verzögerungen in der Entwicklung eine entscheidende Rolle spielen, zum Beispiel wenn die Kapazität der Blase nicht dem Alter entsprechend ausgebildet ist und sie daher zu wenig Harn speichern kann.

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Ein weiterer möglicher Grund ist, dass die Hirnanhangdrüse zu wenig des antidiuretischen Hormons (ADH) herstellt und der Körper deshalb in der Nacht übermäßig viel Urin produziert. Normalerweise wird nachts mehr ADH abgegeben und dadurch weniger Urin gebildet, der Harndrang vermindert. Erhöht sich jedoch der ADH-Spiegel nachts nicht, ist die Blase rasch überfüllt.

Es gibt aber noch andere, ebenfalls wenig beängstigende Gründe für das Bettnässen, sagt Hueter: Manche Kinder bemerken auch einfach den Druck auf ihrer Blase nicht, weil sie zu tief schlafen. Darum nehmen sie den Weckreiz der Blase oftmals nicht wahr. Außerdem vermuten Experten: Bei einigen Kindern ist die Verschaltung zwischen Blase und Gehirn noch nicht vollständig ausgebildet, so dass auch der Weckreiz als solcher nicht immer funktioniert.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor seien falsche Trinkgewohnheiten, sagt Schultz-Lampel und erklärt: "Heute trinken viele Kinder erst am späten Nachmittag oder am Abend ihre Haupttrinkmenge. Trinken die Kinder tagsüber zu wenig, fehlt ein wichtiger Reiz, der die altersentsprechende Vergrößerung der Blasenkapazität anregt." Wenn sie dann abends das Trinken nachholen, wird die Blase überlastet, da der Körper die ganze Flüssigkeit nachts verstoffwechselt.

Auch psychische Ursachen oder Verhaltensstörungen können zu Einnässen führen. An sie sollte gedacht werden, wenn ein Kind nach einer längeren trockenen Phase erneut ins Bett macht. Jedoch würden psychische Faktoren überbewertet, meint Schultz-Lampel.

Vielmehr kann das Einnässen selbst zu Scham und Minderwertigkeitsgefühlen führen und psychische Probleme damit erst auslösen. In diesem Artikel erfahren Sie mehr darüber. Häufig lösen auch Harnwegsinfektionen, Fremdkörper in Blase und Scheide, Reizungen durch Waschmittel oder Seifen, Wurmbefall oder Verstopfung eine kindliche Inkontinenz aus.

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Hinter dem Einnässen können zudem Blasenentleerungsstörungen stecken, die anatomisch bedingt oder unbewusst antrainiert sind. Beispielsweise kann Einnässen die Folge davon sein, dass es jemand über Jahre möglichst vermeiden wollte, auf die Toilette zu gehen. Dieses Lazy-Bladder-Syndrom betrifft häufig Mädchen. Auch angeborene neuronale Erkrankungen oder entzündliche Krankheiten des Nervensystems können die Blasennerven in Mitleidenschaft ziehen und zum Einnässen führen.

Auch eine Schlafapnoe begünstigt Bettnässen. Dann stockt nachts unbemerkt der Atem. Diese Art der Schlafstörung sollte therapiert werden, ein Arztbesuch ist daher dringend anzuraten.

Diagnose: Wann Bettnässer zum Arzt sollten

Ein niedriger ADH-Spiegel, ein ignorierter Weckreiz, eine verzögerte Verschaltung von Gehirn und Blase oder eine zu kleine Blase – alle diese Phänomene sind bei Kindern normal und brauchen erst ab dem sechsten Lebensjahr behandelt zu werden. Eltern sollten allerdings laut Deutschem Grünem Kreuz (DGK) schon vorher einen Arzt aufsuchen, wenn das Kind

  • nachts häufig aufwacht, weil die Blase drückt oder das Bett nass ist: Dies deutet auf einen Harnwegsinfekt hin.

  • manchmal auch am Tag einnässt. In diesem Fall könnte eine organische Ursache – wie eine Störung der Blasenmuskelfunktion oder ein nervöser Blasenschließmuskel (Detrusorhyperaktivität) – dahinterstecken.

  • tagsüber öfter als zehnmal zur Toilette muss. Auch dies ist ein Hinweis auf einen Harnwegsinfekt oder eine Detrusorhyperaktivität.

  • Schwierigkeiten beim Wasserlassen oder einen stotternden Harnstrahl hat: Dies spricht für ein Hindernis in der Harnröhre.

  • bereits länger als sechs Monate nachts trocken war: Es könnte sich um eine Störung der Blasenmuskelfunktion, eine Nerven- oder Stoffwechselstörung oder eine angeborene Fehlbildung der Harnröhre handeln. Auch könnte sich hinter dieser sekundären Enuresis – anders als hinter der gängigen primären – tatsächlich eine seelische Ursache verbergen. So nässen viele Kinder oftmals wieder das Bett, wenn die Eltern sich trennen oder ein Familienmitglied stirbt.

  • zugleich unter einer Vorhautverengung leidet: Die Phimose kann bei Jungen Bettnässen hervorrufen und sollte auch aus diesem Grunde früh behandelt werden.

Gespräch als Basis

Zur Diagnose kann der Arzt auf verschiedene Verfahren zurückgreifen. Den Anfang macht das ausführliche Gespräch mit dem Kind und seinen Eltern (Anamnese). Im Fokus des Interesses stehen unter anderem:

  • Häufigkeit der Toilettengänge
  • Urinmenge beim Toilettengang
  • Trinkmenge
  • Probleme beim Stuhlgang
  • unfreiwilliger Harnabgang: Wann tritt er besonders auf? Nachts oder tagsüber?
  • Begleitsymptome wie schmerzhaftes Wasserlassen und Bauchschmerzen (Verdacht auf Harnwegsinfekt)

Weitere Aspekte sind der Entwicklungsstand des Kindes, die familiäre Situation, bisherige Untersuchungen und eingeleitete Therapien. In der Regel schließt sich der Anamnese die körperliche Untersuchung an. Eventuell können dabei Veränderungen festgestellt werden, die für eine zugrunde liegende Erkrankung sprechen. Weitere Maßnahme ist eine Urinprobe. Eine vermehrte Bakterienanzahl spricht hier möglicherweise für eine Harnwegsinfektion.

Körperliche Untersuchung und Miktionstagebuch

Im Rahmen der Diagnostik spielt auch das Miktionstagebuch eine wichtige Rolle. Hier werden über einen Zeitraum von zwei bis drei Tagen Angaben etwa zu der Häufigkeit der Toilettengänge, der Menge des Urins oder der Frequenz des nächtlichen Einnässens gesammelt.

Um die Harnblase, aber auch weitere Organe wie Niere oder Harnleiter genau beurteilen zu können, führt der Arzt gegebenenfalls eine Ultraschalluntersuchung des Bauchs durch. So erkennt er eventuelle Veränderungen der Harnblase oder bestimmt die Menge des Urins, die nach dem Wasserlassen in der Blase verbleibt (Restharn). Eine weitere mögliche Untersuchung ist die Uroflowmetrie, die den Urinfluss während der Blasenentleerung bestimmt.

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Wie viel Urin passt in eine Kinderblase?

Eine wichtige Frage zur Klärung einer Inkontinenz ist, ob die Blase des Kindes überhaupt genügend Kapazität bietet, um den Urin zu sammeln. Deshalb kann das Volumen einer gesunden Blase zunächst ganz einfach mit einer Formel ausgerechnet werden:

Alter x 30 + 30 = Blasenvolumen in Milliliter

Beispiel: Für einen Erstklässler im Alter von sechs Jahren bedeutet dies eine Blasenfüllmenge von 6 x 30 + 30 = 210 ml. Dies entspricht der Füllmenge eines Trinkbechers. Natürlich wird Flüssigkeit im Körper gespeichert oder auch abgeatmet, so dass der Inhalt eines Bechers die Blase nicht gleich randvoll füllt. Wichtig wird dieser Messwert allerdings dann, wenn der Urin gesammelt wird. Mit einem Messbecher kann ganz einfach bestimmt werden, wie viel Urin das Kind auf einmal ausscheidet. Ist die Menge höher, als das theoretisch errechnete Volumen, ist die Blase bereits vergrößert, was ebenso abgeklärt werden muss wie eine Verkleinerung. Davon ist auszugehen, wenn durchschnittlich weniger als 65 Prozent der theoretisch errechneten Blasenkapazität pro Toilettengang ausgeschieden wird. In unserem Beispiel sind dies 210 x 65 : 100 = 136,5 ml.

Behandlung des Bettnässens richtet sich nach der Ursache

Oft lässt sich mit diesen relativ einfachen Maßnahmen feststellen, was die Ursache für die Probleme ist. Besteht eine organische Blasenschwäche (ausgelöst beispielsweise durch einen Organschaden im Rückenmark oder im Bereich der Nieren), können weitere diagnostische Methoden wie die Magnetresonanztomographie (MRT) folgen. In den meisten Fällen ist die Harninkontinenz jedoch nicht organisch bedingt, Mediziner sprechen dann von einer funktionellen Blasenschwäche. In diesem Fall können unterschiedliche Therapieoptionen etwa durch Blasenschulung, psychotherapeutische Ansätze, Medikamente hilfreich sein.

Checkliste: Die wichtigsten Fragen für den Arztbesuch

  • Wann nässt mein Kind ein: nur nachts oder auch tagsüber?

  • Wie oft kommt das vor (jede Nacht, mehrmals pro Woche, einmal im Monat)?

  • Wo kommt es vor (immer zu Hause, beim Übernachten bei Freunden, während des Mittagsschlafs im Kindergarten)?

  • Wie oft geht mein Kind tagsüber auf die Toilette?

  • Steht mein Kind nachts auf, weil es zur Toilette muss?

  • Gehen tagsüber ein paar Tropfen Urin unbemerkt in die Unterhose?

  • Versucht mein Kind bei dringendem Harndrang zusammenzukneifen, oder lässt es dann laufen?

  • Gibt es Probleme beim Wasserlassen (Urinieren dauert lange, es träufelt nach, das Kind muss nach kurzer Zeit erneut für eine kleine Restmenge)?

  • Ist der Strahl kräftig und ununterbrochen oder stottert er und läuft nur aus?

  • Wie funktioniert die Verdauung (Verstopfung, Durchfall, Stuhlinkontinenz)?

  • Wie sind die Trinkgewohnheiten (wie viel, was, wann)?

  • Trinkt mein Kind vor allem abends viel?

  • Gibt es Anzeichen für eine verzögerte Entwicklung?

  • Sind Auffälligkeiten in Psyche oder Verhalten sichtbar?

  • Bestehen Vorerkrankungen und kam es zu Operationen?

  • Treten die Probleme zum ersten Mal auf?

  • Sind psychische Belastungen für das Kind in Familie, Schule oder Freundeskreis denkbar?

Therapie der Enuresis: Was tun gegen das Einnässen?

Für die verschiedenen Arten des Einnässens gibt es wirksame Behandlungsansätze, wobei die Urotherapie und die medikamentöse Therapie die Kernbereiche bilden.

Urotherapie

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    Mit Blasentraining lässt sich eine Reizblase in den Griff bekommen. Auch bestimmte Formen der Harninkontinenz bessern sich oft deutlich oder verschwinden sogar ganz.

Unter Urotherapie versteht man alle Behandlungsformen des Einnässens, die ohne Medikamente oder operative Eingriffe auskommen. Folgende, meist miteinander kombinierte Maßnahmen kommen dabei zum Einsatz:

  • Information und Demystifizierung des Einnässens

  • Veränderung der Trinkgewohnheiten (Trinkpläne)

  • Toilettenpläne, Toilettengänge nach der Uhr (Blasentraining)

  • Spezielle Sitzpositionen beim Toilettengang ("Kutschersitz" zur Entspannung der Beckenbodenmuskulatur)

  • Stuhlregulation/Behebung einer möglicherweise vorliegenden Verstopfung

  • Beckenbodentraining

  • Alarmsysteme (etwa Klingelhosen, die auf Feuchtigkeit reagieren)

Die Urotherapie wird meist in Einzelsitzungen durchgeführt. Es hat sich jedoch gezeigt, dass hier auch Gruppentherapien äußerst sinnvoll sind. In diesem Artikel erfahren Sie mehr.

Trinkmengen besser über den Tag verteilen

Oft müssen Eltern nur die Trinkgewohnheiten umstellen: "Viele Kinder spielen den ganzen Nachmittag draußen und vergessen dabei zu trinken. Wenn sie abends nach Hause kommen, nehmen sie enorme Flüssikeitsmengen zu sich. Das ist nicht sinnvoll", sagt Klaus-Arndt Hueter vom Deutschen Grünen Kreuz (DGK). Folgende Trinkmengen-Verteilung wird empfohlen:

  • 40 Prozent vormittags
  • 40 Prozent nachmittags
  • 20 Prozent abends

Das Kind sollte regelmäßig an den Toilettengang erinnert werden. So lernt es, seine Blase zu trainieren.

Eltern können diese einfache und oft erfolgreiche Enuresis-Therapie durch ein Miktionstagebuch ergänzen. Die Methode wirkt zweifach: Das Kind schenkt auf diese Weise seinem Problem mehr Aufmerksamkeit und reagiert im Schlaf eher auf den Weckreiz der Blase. Außerdem gibt ihm das Tagebuch ein Gefühl, das Bettnässen selbst beeinflussen zu können.

Am besten markiert der junge Patient im Miktionstagebuch nur die Nächte, in denen das Bett trocken geblieben ist. Das schafft positive Anreize, meint Hueter. Eine kleine Belohnung nach erfolgreichen Nächten motiviert zusätzlich.

Wann eignet sich eine Klingelhose?

Manche Ärzte schwören auf eine Klingelhose. Sie schlägt Alarm, sobald die ersten Urintropfen abgehen. Die Meinungen über diese drastische Konditionierungsmaßnahme gehen auseinander: "Viele Kinder werden trotz der Klingel gar nicht wach", sagt Hueter. "Nur wenn das Kind richtig wach wird und bewusst zur Toilette geht, erfüllt die Klingelhose ihren Einsatz." Zudem erfordert eine Therapie gegen das Bettnässen mit Klingelhose viel Geduld: Erst nach zirka zwei Monaten stellt sich der Erfolg ein. Danach sollte sie noch rund vier Wochen fortgesetzt werden.

Medikamente gegen Bettnässen

In manchen Fällen ist eine medikamentöse Therapie zusätzlich zur Urotherapie angezeigt. So kann beispielsweise bei alleinigem Bettnässen Desmopressin, ein Wirkstoff auf hormoneller Basis (Ausgleich des Mangels am körpereigenen Antidiuretischen Hormon ADH), eingesetzt werden.

Hat die Blase dagegen eine zu kleine Kapazität oder ist sie überaktiv, helfen andere Arzneimittel. "Aktuell werden bei Kindern hauptsächlich die Wirkstoffe Oxybutynin und Propiverin eingesetzt", sagt Schultz-Lampel. "Wichtig ist, dass die Medikamente regelmäßig eingenommen und richtig dosiert werden."

Propiverin bei überaktiver Blase

Ist das Einnässen darauf zurückzuführen, dass die Kapazität der kindlichen Blase zu gering ist, können Blasenspasmolytika helfen. Diese bewirken, dass die Blase nachts mehr speichern kann. Eine wirksame Substanz ist hierbei Propiverin, die auch zur Behandlung von Dranginkontinenz angewandt wird. In Kombination mit Blasentraining kann Propiverin die Symptome einer überaktiven Blase kurieren. Propiverin ist für Kinder besonders gut verträglich, berichtet Schultz-Lampel. Bis eine Behandlung mit Medikamenten bei einem Kind anschlage, könne es unterschiedlich lange dauern, beobachtet die Urologin: "Bessert sich das Einnässen von der Tendenz her, kann man davon ausgehen, dass es irgendwann aufhört, auch wenn das ein bis zwei Jahre dauern kann."

Propiverin verschreiben Ärzte Kindern meistens auch bei einem nervösen Blasenschließmuskel (Detrusorhyperaktivität). Ein Medikament mit gleicher Wirkung ist Oxybutynin, doch kommt es bei ihm doppelt so häufig zu Nebenwirkungen, berichtet unter anderem Dr. Gerd Mürtz aus Dresden auf einem Fachkongress.

Desmopressin drosselt Urinproduktion

Produziert der kindliche Körper nachts sehr viel Urin, kann eine Therapie mit Desmopressin sinnvoll sein. Der Wirkstoff ähnelt dem körpereigenen Antidiuretischen Hormon (ADH) und drosselt die Urinproduktion in der Nacht. Desmopressin ist arm an Nebenwirkungen, selten treten leichte Kopfschmerzen und Übelkeit auf. Zugleich ist Desmopressin effektiv: Ein Viertel der betroffenen Kinder wird während einer zweiwöchigen Periode vollkommen trocken. "Man muss allerdings auf die exakte Dosierung achten und die Kinder dürfen abends nicht übermäßig viel trinken", sagt Urologin Daniela Schultz-Lampel.

Desmopressin gibt es als Nasenspray oder Tabletten, eine Therapie dauert durchschnittlich zehn Wochen. Danach wird das Mittel reduziert und schließlich ganz weggelassen. Schultz-Lampel: "Der Körper hat dann umgelernt und produziert selbsttätig abends und nachts mehr ADH als vorher, so dass die nassen Nächte der Vergangenheit angehören. Manchmal sind allerdings mehrere Anläufe notwendig." Desmopressin kann auch kurzfristig eine Hilfe sein, wenn ein Kind vorübergehend trocken sein muss, zum Beispiel weil es auswärts schläft. Weil die Substanz rasch wirkt, eignet sie sich auch, um kritische Situationen wie eine Klassenfahrt oder eine Urlaubsreise zu überbrücken.

Antibiotika bei Harnwegsinfekten

Bei Harnwegsinfekten, die Einnässen verursachen können, sind Antibiotika angezeigt. Einige Ärzte behandeln Bettnässen noch immer mit Antidepressiva, berichtet Klaus-Arndt Hueter. Diese Psychopharmaka setzen die Weckschwelle herab, so dass die jungen Patienten bei voller Blase leichter aufwachen. Wegen der vielen Nebenwirkungen – wie beschleunigter Herzschlag, Blutdruckabfall, Mundtrockenheit, Sehstörungen, vermehrtes Schwitzen und Zittern – sollten Eltern eine Therapie mit diesen Medikamenten aber ablehnen.

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    Bis zum fünften Lebensjahr ist Bettnässen durchaus normal. Das Führen eines Trink- und Miktionstagebuchs macht erst ab einem Alter von fünf Sinn.

Biofeedback statt Medikamente

In anderen Fällen helfen Medikamente nicht weiter – etwa wenn Kinder eine Dysfunktion von Blase und Schließmuskel haben und fehlerhaft Wasser lassen. "Es gibt viele Kinder, die nicht gerne aufs Klo gehen", berichtet Schultz-Lampel. Wenn sie dann müssen, könnten sie sich nicht richtig locker machen. "Medikamente nutzen dann gar nichts. Dann muss das Kind Biofeedback machen, um zu lernen, den Schließmuskel locker zu lassen, damit es gut Wasser lassen kann."

Klassenfahrt oder Übernachtungsparty: Alltagstipps bei Enuresis

Viele Eltern glauben, ihre Erziehung sei schuld, dass der Nachwuchs noch nicht trocken ist. Schuldgefühle behindern Eltern jedoch in einem offenen Umgang mit dem Thema. Dabei sollten sie im Interesse ihrer Kinder über das Einnässen offen mit ihnen, anderen Eltern, Erziehern und Lehrern reden.

Einnässen wirkt sich negativ auf das Selbstwertgefühl von Kindern aus: Viele betroffene Jungen und Mädchen leiden unter Versagensangst. "Fühlen sich Kinder insgesamt unwert und depressiv, hat das natürlich Auswirkungen auf die schulische Leistungsfähigkeit", sagt Christoph Matthaei, Chefarzt der Abteilung Kinder- und Jugendmedizin am Krankenhaus Ludmillenstift im Meppen. Andererseits können auch Konflikte in der Schule, die mit schlechten Leistungen zusammenhängen, Einnässen verstärken. So entstehe ein "schulischer Teufelskreis, der das Problem verschlimmert und unterhält", betont Doktor Matthaei.

Eltern und Lehrer: Gemeinsam gegen Einnässen

Eltern helfen ihren Kindern am besten, wenn sie Erzieher und Lehrer ins Vertrauen ziehen und über die Ursachen von Einnässen aufklären. In der Regel ist eine Verzögerung im Reifeprozess des Kindes (siehe Ursachen) verantwortlich. Das ist normal und sollte auch so behandelt werden. "Es ist wichtig, dass Erzieher und Lehrer verstehen, dass ein Kind nicht absichtlich einnässt, um jemanden zu ärgern", sagt Urologin Daniela Schultz-Lampel.

Wissen die Lehrer Bescheid, können sie das Kind vor Hänseleien von Mitschülern schützen und ihm beistehen, wenn ein Malheur passiert. "Es gibt immer noch Schulen, wo Kinder den Unterricht nicht verlassen dürfen, obschon sie zur Toilette müssen", beklagt Schultz-Lampel. Sie rät Eltern, den betreffenden Lehrer zu informieren, dass das Kind eine kleine Blase habe und nicht zehn oder zwanzig Minuten warten kann, wenn es Drang verspürt. In der Regel reagierten Lehrer voller Verständnis, sagt die Leiterin des Kontinenz-Zentrums Villingen-Schwenningen. Sie berichtet, dass Mitarbeiter ihrer Einrichtung auch in Schulen gehen, um über Blasenschwäche bei Kindern aufzuklären, etwa im Rahmen von Lehrerfortbildungen oder Elternabenden.

Kinder nicht von schulischen Aktivitäten abhalten

Aus Scham oder Angst vor Hänseleien von Mitschülern stellen sich einnässende Kids manchmal selbst ins Abseits und weigern sich, an einer Klassenfahrt teilzunehmen. Damit ihr Kind nicht zum Außenseiter wird, sollten Eltern ihren Sprössling aber unbedingt zur Mitfahrt ermutigen. Einnässende Kinder brauchen Rückendeckung und Selbstvertrauen! "Wichtig ist die seelische Unterstützung des Kindes", sagt Fachärztin Schultz-Lampel. "Eltern sollten ihm erklären, was nicht funktioniert und ihm klarmachen, dass es sich nicht schämen muss." Die Expertin rät, dem Kind zu erklären, dass dies etwas ganz Normales ist, was sich wahrscheinlich mit der Zeit geben wird.

Eingeweihte Lehrer können außerdem verstärkt darauf achten, dass es nicht unnötig zu kritischen Situationen kommt. So gilt es bei Tagesausflügen ausreichend "Pinkelpausen" einzuplanen. Die Kinder sollten zudem nicht mehr trinken als gewohnt. Das gilt besonders für die zweite Tageshälfte und vor dem Schlafengehen. Trinke das Kind nach 18 Uhr 200 Milliliter und mehr, kann das dazuführen, dass nachts zu viel Urin gebildet werde, erklärt Schultz-Lampel. Wichtig ist, dem Kind diesen Zusammenhang zu erklären, damit es selbst Verantwortung übernehmen kann.

Wecker stellen auf Übernachtungspartys

Auch auf die Übernachtung bei Freunden sollten Kinder mit Enuresis nicht verzichten müssen. Neben Windeln können Eltern ihrem Kind eine Gummimatte fürs Bett mitgeben, damit die Matratze keinen Schaden nimmt. Dies empfiehlt sich allerdings eher als Vorsichtsmaßnahme bei Kindern, die sich nur gelegentlich nachts nass machen.

Für eine Übernachtung bei Freunden geht es allerdings auch einfacher, meint Schultz-Lampel: "Das Kind kann sich ein oder zwei Mal in der Nacht einen Wecker stellen und die Blase entleeren, damit sie gar nicht erst übermäßig voll wird." Noch besser: dem Kind den Tipp geben, ab 18 Uhr nichts mehr zu trinken, damit es nicht so viel Urin bildet. Ist die Ursache des Bettnässens, dass das Kind nachts übermäßig Harn produziert, können Medikamente mit dem Wirkstoff Desmopressin sinnvoll sein.

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