Zuckerkrank und Blasenschwach

Diabetes und Blasenschwäche: Verkannte Verbindung

Ein hoher Blutzuckerspiegel schadet der Blasenfunktion. Je länger ein Typ-2-Diabetes besteht, umso gefährdeter ist der Erkrankte, eine Harninkontinenz zu entwickeln. Am häufigsten tritt dann eine überaktive Blase auf.

Blutzuckermessung
Diabetiker haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, an einer Blasenschwäche zu leiden.
(c) Jeffrey Hamilton

Der Diabetes mellitus Typ 2 tritt häufig bei älteren Menschen auf, so sind etwa 20 Prozent der Menschen zwischen 60 und 70 Jahren betroffen. Er wird daher oft auch "Alterdiabetes" genannt. Diese Bezeichnung ist aber nicht korrekt, da auch immer mehr junge Erwachsene und sogar Kinder an Typ-2-Diabetes erkranken.

Im Laufe der Zeit können sich dabei Folgeerkrankungen einstellen, zu denen beispielsweise Komplikationen im Herz-Kreislauf-System, Nervenstörungen, Augen- oder Nierenerkrankungen, aber auch Funktionsstörungen der Harnblase gehören. Die Harninkontinenz gilt als eine der häufigsten Diabetesfolgen.

Diabetes fördert verschiedene Harninkontinenzformen

Wie Erkrankungen der Harnwege bei Diabetes mellitus entstehen, ist noch nicht ganz klar. Wissenschaftler vermuten, dass die Zuckerkrankheit, besonders bei schlecht eingestelltem Diabetes, auf Dauer die Nerven schädigen kann. In der Folge stellen sich Störungen etwa des Harndrangempfindens ein. Der Betroffene merkt seine Blase erst, wenn sie stark gefüllt ist. Die ständige "Überfüllung" der Harnblase dehnt sie massiv, was bei längerem Bestehen unter Umständen die Muskulatur schädigt. Der Betroffene kann infolge dessen, seine Blase nicht mehr vollständig entleeren, schließlich "läuft" die Blase "über" – es entsteht eine Überlaufinkontinenz. Die genannten diabetesbedingten Störungen der Harnblasenfunktion bezeichnen Mediziner als diabetische Zystopathie. Sie kommt bei ungefähr 50 Prozent der Diabetiker vor und oft bestehen weitere Nervenstörungen.

Daneben kann der Blasenmuskel auch überaktiv sein (überaktive Blase). Daraus folgende Symptome sind etwa ein verstärkter Harndrang und häufiges Wasserlassen – auch in der Nacht. Dahinter steht offenbar eine Störung in der Steuerzentrale des Menschen – des Gehirns. So haben viele Diabetiker mit überaktiver Blase auch Durchblutungsstörungen im Gehirn, die viele kleine Infarkte (abgestorbenes Gewebe aufgrund der Unterbrechung der Blutzufuhr) verursachen können. Diese werden von den Betroffenen oft nicht bemerkt, lassen sich aber in radiologischen Untersuchungen (Magnetresonanztomographie) nachweisen. Allerdings tragen auch andere Ursachen, die nicht durch den Diabetes verursacht sind, zur Entstehung einer überaktiven Blase bei.

Weiterhin kann eine Belastungsinkontinenz auftreten, die vor allem Frauen mit Diabetes mellitus betrifft. Als Ursachen hierfür kommen unter anderem eine Schwäche des Beckenbodens oder des Schließmuskels infrage.

Zwischen drei Viertel und allen Menschen mit diabetischer Zystopathie haben gleichzeitig eine diabetische Polyneuropathie. Dabei handelt es sich um Empfindungsstörungen wie Kribbeln oder Taubheit, die sich von den Füßen über die Beine ausbreiten können, Hände und Arme sind seltener betroffen. Mögliche Folgen sind Muskelschwächen bis hin zu Lähmungen und Abbau der Muskulatur. Auch abnehmende Denkleistung oder Magen-Darm-Beschwerden, etwa Verstopfungen, können auf diabetesbedingte Schäden von Nerven und Gehirn hinweisen.

Blasenschwäche: 15 sanfte Tipps gegen Inkontinenz

Symptome der diabetischen Blasenfunktionsstörung

Die diabetische Zystopathie ruft verschiedene Beschwerden hervor, allerdings treten zu Beginn beziehungsweise in frühen Stadien keine oder nur wenige Symptome auf. Im Verlauf können sich unter anderem seltenere Toilettengänge, größere Mengen beim Wasserlassen, schwächerer Harnstrahl und ungewollter Harnverlust als Beschwerden einer Überlaufinkontinenz einstellen. Bei einer überaktiven Blase sind zum Beispiel nicht zu unterdrückender Harndrang oder gehäuftes Wasserlassen mögliche Symptome.

Den Ärzten stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, um eine diabetische Zystopathie zu erkennen und zu behandeln. Die Therapie sollte so früh wie möglich einsetzen, damit schwerwiegende Folgen eingedämmt oder vermieden werden können. Daher bietet es sich an, bei Diabetikern auch die Harnblasenfunktion regelmäßig zu untersuchen. Das gilt besonders dann, wenn zum Beispiel bereits Symptome einer Polyneuropathie vorliegen.

Zuckerkranke Frauen sind öfter inkontinent als Männer mit Diabetes

Eine im Jahr 2005 veröffentlichte große US-amerikanische Studie  ergab, dass im Jahr 1996 rund 17,6 Prozent der mehr als 81.000 Teilnehmerinnen über eine Harninkontinenz berichteten. Die Typ-2-Diabetikerinnen darunter hatten ein deutlich höheres Risiko an einer Blasenschwäche zu erkranken als ihre Geschlechtsgenossinnen. Litten die Frauen länger als zehn Jahre an einem erhöhtem Blutzuckerspiegel, verdoppelte sich die Wahrscheinlichkeit für unkontrollierten Urinverlust in vielen Fällen sogar.

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Für Frauen mit Diabetes ist die Gefahr, eine Inkontinenz zu entwickeln größer als für zuckerkranke Männer. Bei einer Befragung von rund 4.000 Typ-2-Diabetikern stellten Wissenschaftler der Universität Witten/Herdecke im Jahr 2006 fest, dass 48,5 Prozent der Frauen und 27,5 Prozent der Männer inkontinent waren. Daneben plagten die Diabetiker noch weitere Miktionsbeschwerden. Am häufigsten nannten sie: nachts oft auf die Toilette müssen (Nykturie) und vermehrtes Urinieren, bei dem aber immer nur wenig Harn kommt (Pollakisurie).

Insgesamt hatten 65,6 Prozent der Männer mit Diabetes und 70,4 Prozent der Frauen mit Diabetes Probleme beim Wasserlassen. Umso älter die Menschen waren und je länger die Zuckerkrankheit bestand, desto mehr Diabetiker litten an Blasenstörungen. Nach acht Jahren Typ-2-Diabetes hatten die Patienten doppelt so oft Beschwerden mit dem Harntrakt wie Nicht-Diabetiker, berichtet einer der Studienautoren, Dr. Andreas Wiedemann.

Bei Typ-2-Diabetes regelmäßig den Harntrakt untersuchen lassen

Auch wenn Blasenstörungen durch Diabetes nicht heilbar sind, lassen sich die Beschwerden mit Medikamenten zumindest lindern. Das Wichtigste ist aber eine konsequente Diabetestherapie, um den erhöhten Blutzucker im Zaum zu halten. Das schützt vor Folgeerkrankungen – auch vor Harninkontinenz. Zudem sollten Diabetiker ihre Blase beobachten und sich nicht scheuen bei Auffälligkeiten – zum Beispiel bei Harnwegsinfekten, bei häufigem Wasserlassen, vermehrtem nächtlichen Austreten, dem Gefühl der unvollständigen oder erschwerten Blasenentleerung – einen Arzt aufzusuchen, um einer schweren Form der Inkontinenz vorzubeugen.

Experten plädieren sogar dafür, dass Diabetiker routinemäßig ihren unteren Harntrakt untersuchen lassen sollten. Zudem müssten Schulungen für Diabetiker auch den Bereich Blasenfunktionsstörungen und Harninkontinenz behandeln, fordern die beiden Autoren der "Wittener Diabeteserhebung" Dr. Andreas Wiedemann und Prof. Dr. Ingo Füsgen und verweisen auf ein Ergebnis ihrer Befragung. Demnach benutzen rund 72 Prozent der befragten Diabetikerinnen und knapp 25 Prozent der Diabetiker regelmäßig Vorlagen. Das sei, urteilen sie, eine ungemessene Selbstversorgung, die nicht akzeptiert werden sollte.

Alltagstipps bei Blasenschwäche

Autor:
Letzte Aktualisierung: 28. Juni 2016
Durch: sist
Quellen: Nach Informationen von Dr. Andreas Wiedemann, Prof. Dr. Ingo Füsgen: LUTS bei Typ-2-Diabetikern – die Wittener Diabetes-Erhebung, European Journal of Geriatrics, Vol. 10 (2008), No. 4; Karen L. Lifford u.a.: Type 2 diabetes mellitus and risk of developing urinary incintinence, Journal of the American Geriatrics Society 2005, 53 und der Urologin Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel; Mair, D.; Madersbacher, H.: Diabetes mellitus und Harninkontinenz. Früherkennung kann Sekundärschäden vermeiden. In: procure 09 (2010), S. 24-28

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