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Interview

Trocken werden: Eltern brauchen vor allem Geduld

Wann werden Kinder in der Regel trocken und brauchen keine Windeln mehr? Diese Frage beschäftigt viele Eltern, insbesondere wenn das Kind tagsüber oder nachts noch regelmäßig einnässt. Was steckt dahinter und wann besteht Grund zur Sorge?

Mutter und Kind beim Lesen
Trocken werden: Geduld seitens der Eltern ist wichtig, wenn Kinder noch einnässen.

Ein Viertel aller Fünfjährigen nässt noch ein, das ist jedoch völlig normal. Auch manche Schulkinder haben manchmal noch Probleme ihre Blase zu kontrollieren. Der Grund liegt meist in einer verzögerten körperlichen Reife, sagt Urologin Daniela Schultz-Lampel. Die Expertin erklärt Hintergründe zum Thema Einnässen und Trocken werden bei Kindern.

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Interview: Wann und wie werden Kinder trocken?

Direktorin des Kontinenzzentrums Süd (Schwarzwald-Baar Klinikum) und Urologin Dr. Daniela Schultz-Lampel klärt auf.

Frage: Wann muss ein Kind trocken sein?

Dr. Daniela Schultz-Lampel: Bis zum fünften Lebensjahr ist es völlig normal, dass Kinder einnässen. Die Blasenkontrolle entwickelt sich erst bis zu diesem Alter.

Frage: Wie viele Kinder nässen eigentlich ein?

Dr. Daniela Schultz-Lampel: Man weiß, dass Einnässen nach Erkrankungen der oberen Luftwege und Allergien die häufigste Krankheit im Kindesalter ist. Bis zum fünften Lebensjahr machen sich 25 Prozent der Kinder noch nass oder nässen immer mal wieder ein.

Frage: Was sind die Gründe, wenn Kinder spät trocken werden?

Dr. Daniela Schultz-Lampel: Es gibt verschiedene Gründe. Die Hauptursache ist eine Entwicklungsverzögerung der Blasenkontrolle. Zum einen ist es möglich, dass die Blase noch zu klein ist und nicht genug Urin speichern kann. In diesem Fall nässen die Kinder häufig auch tagsüber ein. Eine zweite Ursache ist, dass das Antidiuretische Hormon, welches den Wasserhaushalt steuert und dafür sorgt, dass der Körper nachts wenig Urin produziert, noch nicht ausreichend gebildet wird. Eine weitere Ursache ist der fehlende Weckreiz durch die volle Blase im Schlaf.

Ausgelöst wird Einnässen häufig durch eine genetische Veranlagung. Statistiken sagen: Wenn ein Elternteil einnässt, nässen auch 44% der Kinder ein, wenn beide Eltern einnässen, sind es 77%. Psychische Gründe sind eine Ausnahme. Sie spielen meist erst eine Rolle, wenn ein Kind schon mal sechs Monate trocken war. Dann ist es möglich, dass eine Stresssituation, wie Scheidung der Eltern, Geburt eines Geschwisterkindes, Mobbing in der Schule, eine Mitursache für Einnässen ist.

Frage: Was hilft gegen Einnässen?

Dr. Daniela Schultz-Lampel: Das Wichtigste ist, genau zu eruieren, was vorliegt. Dazu dient das sorgfältige Erstellen eines Blasen- und Trinkprotokolls. Man muss die Kinder anhalten, jedes Wasserlassen am Tag zu dokumentieren und aufzuschreiben, wie viel Urin sie jeweils ausscheiden. In den Nächten sollten die Kinder eine Windel tragen und diese trocken wie nass wiegen. Durch das Volumen lässt sich errechnen, ob das Kind eine zu kleine Blase oder ein Überangebot an Urin in der Nacht hat. Auf jeden Fall ist es wichtig, zu schauen, wann die Kinder auf die Toilette gehen, und was sie trinken. Eltern sollten Kindern auf Grundlage der Protokolle einen Plan an die Hand geben, nachdem sie alle zwei Stunden auf die Toilette gehen und alle zwei Stunden zwischen 150 und 200 Milliliter trinken.

Nicht weniger, sonst entwickelt die Blase sich nicht richtig. Zwei Stunden vor dem Zubettgehen müssen die Kinder aufhören zu trinken, sonst wird die Flüssigkeit nachts ausgeschieden. Das bezeichnen Ärzte als Urotherapie. Dabei erklären sie den Kindern auch, warum sie einnässen, und wie die Blase funktioniert. Das alleine ist bei einem Viertel der Kinder schon erfolgreich. Unterstützt wird die Urotherapie mit Medikamenten, die die das Fassungsvermögen der Blase entweder vergrößern oder die Urinproduktion verringern. Der Hauptgrund, warum viele Therapien nicht erfolgreich sind, ist, dass das Blasentagebuch sträflich vernachlässigt und der eigentliche Grund für das Einnässen nicht erkannt wird.

Frage: Wie sollten Eltern sich verhalten?

Dr. Daniela Schultz-Lampel: Das Wichtigste ist Geduld. Die fehlt den Eltern und Ärzten oft. Studien zufolge dauert es bei einer zu kleinen Blasen im Schnitt zwei Jahre bis die Kinder mit Medikamenten trocken sind. Das heißt: Alle müssen sich auf einen langen Prozess einrichten, bei dem wirklich die Mitarbeit der Kinder nötig ist.

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