Unkontrollierbarer Harndrang

Dranginkontinenz: Wenn man es nicht mehr zur Toilette schafft

Dranginkontinenz äußert sich durch einen imperativen (unbeherrschbaren) Harndrang, der mit unwillkürlichem Urinverlust einhergeht. Weil sich der Harndrang vorher nicht ankündigt, ist die Situation für Betroffene unbeherrschbar. Bei Dranginkontinenz handelt es sich daher um eine äußerst belastende Form von Harninkontinenz. Doch es gibt wirksame Hilfen.

Älteres Pärchen
Dranginkontinenz äußert sich durch imperativen Harndrang, der mit Urinverlust einhergeht.
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Dranginkontinenz ist gekennzeichnet durch einen imperativen Harndrang, also den Zwang zum Wasserlassen. Dieses Symptom tritt auch bei der überaktiven Blase (umgangssprachlich Reizblase) auf. Die Dranginkontinenz wird daher oft mit der überaktiven Blase oder Reizblase gleichgesetzt. Streng genommen werden sie laut Jürgen Schickinger, Autor des Buchratgebers "Inkontinenz", jedoch folgendermaßen unterschieden:

  • trockene überaktive Blase: keine Inkontinenz, keine körperlichen Ursachen

  • nasse überaktive Blase: Inkontinenz, keine körperlichen Ursachen

  • Dranginkontinenz: Inkontinenz mit bekannten körperlichen Ursachen

  • Mischinkontinenz: Mischung aus Belastungs- und Dranginkontinenz

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Die körperlichen Auslöser sind bei der Dranginkontinenz demnach bekannt. Das hat einen großen Vorteil: Man kann nicht nur – wie bei der überaktiven Blase – die Beschwerden lindern, sondern auch die Ursachen bekämpfen.

Wenn das nicht erfolgreich ist, werden die Beschwerden bei Dranginkontinenz genauso behandelt wie bei der Reizblase.

Symptome der Dranginkontinenz

Bei Dranginkontinenz (auch Urgeinkontinenz, von dem englischen Wort "urge" für "Drang") zieht sich der Blasenmuskel ohne Vorankündigung zusammen, ein plötzlicher, unkontrollierbarer Harndrang entsteht. Im Unterschied zur trockenen überaktiven Blase hat das zur Folge, dass ein Schwall Urin austritt. Die Blase muss dazu nicht voll sein, schon bei kleinen Füllmengen und mitunter mehrfach pro Stunde kann es zum imperativen Harndrang mit Urinverlust kommen.

Ein weiteres Kennzeichen der Dranginkontinenz sind mindestens acht Toilettenbesuche täglich, davon mehr als zweimal auch nachts. Insgesamt wird dabei über den Tag verteilt jedoch eine normale Harnmenge ausgeschieden.

Kommen zur Dranginkontinenz noch Harnverlust bei Belastungen wie Niesen, Heben schwerer Gegenstände, Lachen oder Husten, handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Mischinkontinenz.

Ursachen der Dranginkontinenz

Im Unterschied zur Belastungsinkontinenz spielt der Beckenboden bei der Dranginkontinenz eine untergeordnete Rolle. Dafür ist der Blasenmuskel überaktiv (Detrusorhyperaktivität) und zwar aufgrund fehlerhafter Steuerung durch das Nervensystem: Normalerweise hemmen Nerven die Signale aus der Blase. Bei Dranginkontinenz ist diese Hemmung zu schwach. Dahinter können verschiedene Erkrankungen stecken:

  • Neurologische Krankheiten wie Schlaganfälle, Demenz, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Hirntumore
  • Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes
  • Unfallfolgen wie Querschnittslähmung

Daher weist die Dranginkontinenz mitunter auf bestehende, aber bisher unbekannte Grunderkrankungen hin. Ist sie nicht auf eine übersensible Blasenmuskulatur zurückzuführen, steckt eine gestörte Blasenempfindung dahinter. Dann nimmt die Blase Füllsignale falsch wahr. Ursachen dafür können sein:

  • Entzündungen (interstitielle Zystitis)
  • Steine in Blase oder Harnleiter
  • Tumoren in der Blase oder Harnröhre
  • Verengung der Harnröhre, bei Männern zum Beispiel durch eine vergrößerte Prostata

Vorsicht, auch manche Medikamente schwächen die Blase.

Dranginkontinenz ist weitgehend unbeherrschbar

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Die Dranginkontinenz bereitet Betroffenen oft größere Probleme als die Belastungsinkontinenz, weil sie im Gegensatz zu dieser in nicht absehbaren Situationen auftritt. Oft gibt es konkrete Auslöser, die man erst kennenlernen muss. Darunter fallen häufig:

  • Stress
  • kalte Füße
  • Wasserrauschen
  • Gedanken an Harndrang
  • kühles Klima

Doch auch wenn man über die auslösenden Situationen Bescheid weiß, bleibt diese Form der Harninkontinenz schwer kontrollierbar, weil plötzlich neue Auslöser hinzukommen können.

Betroffene von Dranginkontinenz sollten Hilfe suchen

Viele Menschen, die oft und plötzlich einen starken Harndrang verspüren, halten das zunächst für normal. Doch wenn es häufiger vorkommt, dass sie es nicht mehr rechtzeitig aufs Örtchen schaffen, sollten Betroffene aktiv werden. Besprechen Sie Ihr Blasenproblem mit einem Urologen oder einer Urologin – die Spezialisten sind Profis auf diesem Gebiet, Schamgefühle sind daher unnötig und sollten Sie keinesfalls abhalten.   

Dranginkontinenz und auch ihr naher Verwandter, die Reizblase, sind nämlich kein Schicksal, sondern lassen sich erfolgreich behandeln.

Diagnose der Dranginkontinenz

Um eine Dranginkontinenz festzustellen, wird der Arzt Sie zunächst zu Ihrer Krankengeschichte befragen. Die Fragen können sein:

  • Haben Sie starken Harndrang, bei dem Sie sofort auf die Toilette müssen? Oder können Sie mit dem Gang zur Toilette noch länger als eine Viertelstunde warten?

  • Tritt der starke Harndrang bevorzugt in bestimmten Situationen auf, zum Beispiel wenn Sie nach Hause kommen?

  • Kann das Geräusch eines laufenden Wasserhahns Harndrang auslösen, den Sie nicht unterdrücken können?

  • Verlieren Sie bei Harndrang ungewollt Harn, zum Beispiel kurz bevor Sie die Toilette erreichen?

Zudem schließt der Mediziner mit einem Stresstest aus, dass es sich nicht um eine Mischinkontinenz handelt: Der Patient muss in verschiedenen Situation husten oder pressen. Tritt dabei Harn aus, ist eine Belastungsinkontinenz beziehungsweise Mischinkontinenz vorhanden. Es folgen Harnblasendruckmessung (Zystometrie), Ultraschallunterschungen und gegebenenfalls neurologische Untersuchung, um die Ursachen der Dranginkontinenz herauszufinden.

Blasentraining und Medikamente gegen Dranginkontinenz

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Bei der Behandlung von Dranginkontinenz verspricht eine Kombination von Blasentraining und Medikamenten gute Erfolge:

  1. Um die Blase zu stärken, macht sich der/die Erkrankte einen Zeitplan für seine Toilettengänge. Er oder sie trinkt etwa alle zwei bis drei Stunden und geht 30 Minuten später aufs WC – auch wenn man nicht muss. Anfangs sind die Abstände kurz, nach und nach werden sie länger. Zudem wird ein Miktionstagebuch geführt, in dem unter anderem die Häufigkeit der Toilettengänge sowie die abgegangene Harnmenge vermerkt werden.

  2. Der Patient nimmt vom Arzt verordnete Arzneien mit sogenannter anticholinerger Wirkung (Anticholinergika). Das bedeutet: Diese Mittel entspannen die sensible Blase. So spielt sie nicht mehr verrückt. Anticholinergika gelten als gut verträglich und haben sich bei Dranginkontinenz bewährt. Sie verringern Inkontinenzattacken laut Studien um durchschnittlich 70 Prozent. Es gibt mehrere Wirkstoffe aus dieser Gruppe, die sich in Nebenwirkungen und Wirkungseintritt unterscheiden.

Weitere Behandlungsmöglichkeiten bei Dranginkontinenz

Bei weiblichen Betroffenen verzeichnen auch lokal angewendete Östrogene in Form von Cremes oder Zäpfchen Erfolge. Sie erhöhen die Durchblutung der Scheidenschleimhaut und halten sie feucht. Reizungen und Entzündungen, die Dranginkontinenz und eine überaktive Blase begünstigen, werden so vermieden. Außerdem erhöhen sie die Durchblutung der Blase und die Elastizität der Blasenwand, die sich dann nicht mehr so leicht zusammenzieht.

Wirken diese Therapien nicht, gibt es andere Methoden, zum Beispiel das Einspritzen von Botox in die Blasenwand oder den Blasenschrittmacher, ein kleines Implantat.

Sieben sanfte Hilfen für eine starke Blase

Autor:
Letzte Aktualisierung: 03. Mai 2016
Quellen: Jürgen Schickinger: Inkontinenz. Stiftung Warentest 2014;

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