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Ungewollter Urinverlust

Inkontinenz nach Geburt und in der Schwangerschaft: Was tun?

Beim Husten, Lachen oder Springen geht ungewollt Urin ab? In der Schwangerschaft und nach der Geburt kommt eine Harninkontinenz häufiger vor. Wie eine gute Rückbildung dabei hilft, Beschwerden wieder loszuwerden.

Schwangere Frau mit Blasenschwäche
Eine Inkontinenz in der Schwangerschaft und nach der Geburt kommt häufig.
© Getty Images/RyanKing999

Dass man als Schwangere häufiger zur Toilette muss, ist ganz normal: Wenn das Baby auf die Blase drückt, verspüren viele Schwangere einen stärkeren Harndrang. Verliert man jedoch beim Husten, Niesen, Lachen oder Springen ungewollt Urin, kann eine sogenannte Belastungsinkontinenz vorliegen. Eine Dranginkontinenz (überaktive Blase) kommt ebenfalls vor, ist aber seltener.

Laut eines Cochrane-Reviews leidet mehr als ein Drittel der Frauen im zweiten und dritten Drittel der Schwangerschaft und etwa ein Drittel der Frauen in den ersten drei Monaten nach der Geburt unter ungewolltem Urinverlust. Die gute Nachricht: Diese Symptome können wieder vollständig verschwinden. Deshalb sollten Betroffene nicht zögern und sich ärztlich beraten lassen.

Artikelinhalte im Überblick:

Beckenbodentraining: Sechs Übungen bei Harninkontinenz

Ursachen für Inkontinenz nach Geburt und in der Schwangerschaft

Durch das zusätzliche Gewicht des Babys wird der Beckenboden stark beansprucht und seine Halte- und Stützfunktion lässt nach. Auch die Funktion des Harnröhrenschließmuskels kann vor allem in den ersten Tagen nach der Geburt eingeschränkt sein.

Verschiedene Risikofaktoren können eine Inkontinenz begünstigen – meist liegt eine Kombination von mehreren Faktoren vor.

Risikofaktoren für eine Inkontinenz in der Schwangerschaft:

  • mütterliches Alter (erste Schwangerschaft mit über 35 Jahren)
  • starkes Übergewicht
  • Nikotinkonsum vor der Schwangerschaft
  • bereits vorher bestehende Harninkontinenz
  • genetische Veranlagung zur Blasenschwäche
  • bereits vorher bestehende Beckenbodenschwäche

Tritt eine Harninkontinenz während der Schwangerschaft auf, ist das Risiko höher, dass die Beschwerden auch nach der Geburt bestehen bleiben. Ein ungewollter Urinverlust kann sich aber auch erst nach der Geburt zum ersten Mal bemerkbar machen. Gründe hierfür stellen zum Beispiel eine Absenkung der Organe im kleinen Becken (Descensus genitalis) infolge von andauernden Belastungen oder Verletzungen der Blase während der Geburt dar.

Zusätzliche Risikofaktoren für eine Inkontinenz nach der Geburt:

  • hohes Geburtsgewicht des Kindes
  • extrem starke und sehr lange Pressphasen während der Geburt
  • viele vaginale Geburten
  • vaginal-operative Geburten (Zangen- oder Saugglockengeburt)

Diagnose: Mit Inkontinenz-Beschwerden in ärztliche Beratung

Viele Frauen begeben sich aus Scham mit den Symptomen einer Harninkontinenz nicht in ärztliche Behandlung. Andere vermuten, dass ein ungewollter Urinverlust aufgrund von Schwangerschaft und Geburt „normal“ sei und zögern deshalb. Wer anhaltende Beschwerden bemerkt, sollte diese jedoch abklären lassen.

Im Wochenbett ist die Hebamme die richtige Ansprechpartnerin. In der gynäkologischen Praxis kann beurteilt werden, ob es sich lediglich um eine vorübergehende Erscheinung handelt, die spätestens nach der Rückbildung wieder verschwindet, oder ob andere Ursachen wie eine Gebärmuttersenkung oder Verletzungen der Blase dahinterstecken. Solche Ursachen können nach der Geburt zum Beispiel durch eine gynäkologische Untersuchung oder einen Ultraschall festgestellt werden. Auch Inkontinenzfragebögen, das Führen eines Miktionstagebuchs (Aufzeichnung über das Ausscheiden von Flüssigkeiten) oder ein Husten-Stresstest können der Beurteilung dienen.

Je nach Beschwerdebild kann rechtzeitig ein Beckenbodentraining verschrieben werden oder die Weiterbehandlung in einem spezialisieren Beckenboden-Zentrum erfolgen.

Behandlung einer Inkontinenz nach Geburt und in der Schwangerschaft

Nach der Geburt ist die Beckenbodenmuskulatur noch sehr gedehnt und muss erst wieder erstarken. Eine Belastungsinkontinenz kann einige Wochen nach der Geburt daher auch wieder vollständig verschwinden. Wie die Behandlung aussieht, richtet sich nach dem individuellen Fall.

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    Haben Sie Probleme mit der Blase? Vielleicht leiden Sie unter einer Form von Inkontinenz.

Folgende Möglichkeiten kommen infrage:

  • Beckenbodentraining: Zur Therapie der Inkontinenz während der Schwangerschaft und nach der Geburt wird Beckenbodentraining empfohlen. Vor allem, wenn bereits während der Schwangerschaft Beschwerden auftreten, sollte der Beckenboden schon vor der Geburt präventiv gestärkt werden. Es gibt entsprechende Kurse, die speziell für Schwangere konzipiert sind. Nach der Geburt empfiehlt sich tägliches Beckenbodentraining über mehrere Wochen hinweg. Im Alltag sollte der Beckenboden vor allem durch korrektes Heben und Tragen des Babys entlastet werden. Halten die Beschwerden nach der Geburt lange an, können in einer physiotherapeutischen Praxis auch Methoden wie die Elektrostimulation zur Stärkung des Beckenbodens zum Einsatz kommen.

  • Rückbildung nach der Geburt: Die Hebamme zeigt bereits im Wochenbett erste, ganz sanfte Übungen für den Beckenboden. Er sollte in dieser Zeit aber keinesfalls zu stark oder falsch beansprucht werden. Schweres Heben und intensive sportliche Aktivitäten sind tabu. Sechs bis acht Wochen nach der Geburt beginnt der Rückbildungskurs. Wichtig ist, dass die Beckenbodenübungen von geschulten Trainer*innen, ausgebildeten Hebammen oder Physiotherapeut*innen fachgerecht angeleitet werden. Die Kursleitung sollte genau vermitteln, wie sich der Beckenboden aktiv anspannen lässt. Auch für Frauen, die ihr Kind per Kaiserschnitt bekommen haben, ist ein Rückbildungskurs etwa acht bis zehn Wochen nach der Entbindung unentbehrlich. Denn die Schwangerschaft hat den Beckenboden und die Bauchmuskeln, die dem Beckenboden als Hilfsmuskeln dienen, geschwächt. Erfüllt der Rückbildungskurs alle nötigen Voraussetzungen, werden die Kosten von der Krankenkasse übernommen.

  • Operation bei Inkontinenz nach der Geburt: Ein operativer Eingriff zur Behandlung einer Inkontinenz nach der Geburt ist nur in bestimmten Fällen je nach vorliegender Ursache nötig – zum Beispiel, um eine schwere Gebärmuttersenkung zu behandeln. Obwohl die Gebärmutter meist nicht entfernt werden muss, wird Frauen mit bestehendem Kinderwunsch in der Regel nicht zu einer Operation geraten.

Inkontinenz nach der Geburt vorbeugen: Geht das?

Dass das Gewicht des Babys während der Schwangerschaft auf den Beckenboden drückt, lässt sich nicht vermeiden. Auch andere Risikofaktoren wie das mütterliche Alter oder die genetischen Vorbelastungen können nicht beeinflusst werden.

Umso wichtiger ist es, dass man andere persönliche Risikofaktoren reduziert. Hierzu gehört vor allem die Vermeidung von Übergewicht. Auch eine Verstopfung sollte möglichst verhindert werden, damit durch das starke Pressen nicht noch zusätzlich Druck auf den Beckenboden ausgeübt wird. Da schwangere Frauen hormonell bedingt häufig unter Verdauungsproblemen leiden, sollten sie vermehrt auf eine gesunde, ballaststoffreiche Ernährung, viel Flüssigkeit und ausreichend Bewegung achten.

Zur Vorbeugung einer Inkontinenz nach der Geburt kann der Beckenboden schon während der Schwangerschaft trainiert werden. Das Bewusstsein, wie man den Beckenboden aktiv anspannen und entspannen kann, ist auch für die Geburt selbst eine gute Vorbereitung.

Bei einem Kaiserschnitt wird der Beckenboden umgangen, weshalb eine vaginale Geburt im Vergleich zum Kaiserschnitt häufiger mit Inkontinenzbeschwerden einhergeht. Allerdings können Frauen auch nach einem Kaiserschnitt durch die Belastungen während der Schwangerschaft an einer Harninkontinenz leiden. Lediglich in bestimmten Fällen – zum Beispiel bei einem sehr hohen Geburtsgewicht des Kindes oder einer angeborenen Beckenbodenschwäche – kann daher im Einzelfall zu einem geplanten Kaiserschnitt geraten werden.

Nach der Geburt sollte auf jeden Fall ein Rückbildungskurs besucht werden, um auch zukünftigen Beschwerden vorzubeugen.

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