Betroffene berichten

Unbeschwerter Alltag trotz Inkontinenz: Mit Blasenschwäche leben

Für die meisten Menschen ist Inkontinenz schwer zu akzeptieren – besonders wenn sie sich dauerhaft damit arrangieren müssen. Zwei Betroffene berichten, wie sie ihren Alltag trotz Blasenschwäche meistern.

Paar
Viele Betroffene reden nicht offen über ihre Probleme.
Getty Images/Brand X

Conny Neumann*: "Ich bin doch erst 40."

Bei Conny Neumann wurde eine Belastungsinkontinenz festgestellt – die häufigste Inkontinenzform bei Frauen. Bei der Stressinkontinenz, wie sie früher hieß, verlieren die Patienten bei körperlicher Anstrengung wie Niesen, Lachen, Treppensteigen oder Heben unfreiwillig Harn. Für Altenpflegerin Conny Neumann* gehört Harninkontinenz zum Berufsalltag. "Das ist halt so und fertig", dachte sie – bis es sie selbst erwischte. "So normal ich Inkontinenz bei meinen Patienten empfinde und so selbstverständlich ich damit umgehe, ist es trotzdem etwas ganz anderes, wenn man auf einmal selbst damit konfrontiert wird."

"Abgrundtief peinliche Situation"

Wann die Krankheit bei ihr begann, vermag sie nicht mehr zu sagen. Vor einigen Monaten jedoch hatte Conny Neumann ein Schlüsselerlebnis. "Mir ist eine abgrundtief peinliche Situation passiert. Ich habe bei einem Patienten einen Keks gegessen. Beim Lachen bekam ich Krümel in die Luftröhre und musste so stark husten, dass meine frisch angelegte Binde übervoll war, und ich ausgerechnet in dem Moment auch noch meine Regel bekam. Ich arbeite in Weiß, und es ist richtig schön rötlich die Hosenbeine heruntergelaufen. Da ich im ambulanten Dienst tätig bin, konnte ich nicht zum Umziehen nach Hause fahren und musste meine Arbeit so beenden. Das war derart schlimm für mich, dass ich die Inkontinenz erst da realisiert habe."

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"Es hat sehr lange gedauert, bis ich etwas unternommen habe", sagt Conny Neumann. "Zunächst habe ich nur geheult. Der Urin lief so stark, dass ich mir wirklich Badetücher untergelegt habe. Ich dachte, bleibt das jetzt so? Ich bin doch erst 40 und nicht 70 wie meine Patienten!" Bei einer Rückenuntersuchung wagte sie schließlich, das Thema anzusprechen - allerdings so, als ob es um eine andere Person ginge. Doch der Hausarzt deutete ihre Fragen richtig, hakte nach und überwies sie an einen Urologen.

Das Schweigen war gebrochen - und bescherte Conny Neumann eine interessante Entdeckung. Als sie einer Kollegin von ihrer Belastungsinkontinenz erzählte, gestand diese, das gleiche Problem zu haben. Sie habe nie darüber gesprochen, es einfach hingenommen. Kein Einzelfall. Viele Betroffene sehen Blasenschwäche als Schicksal. Aus Scham verbergen sie ihre Krankheit und lassen zu, dass die Inkontinenz Oberhand über ihr Leben gewinnt. Ständig in der Angst einzunässen, ziehen sich Patienten mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück.

Rosemarie Hochberger*: "Ich will mich mit der Inkontinenz nicht abfinden."

Die Schwierigkeiten beginnen bei der Suche nach einem Gesprächstermin. Rosemarie Hochberger* will über ihre Harninkontinenz nur reden, wenn ihr Mann nicht zu Hause ist. Es ist ihr unangenehm, vor ihm über das Thema zu sprechen. Natürlich wisse er, was mit ihr los sei. Doch in allen Einzelheiten habe sie ihn nicht eingeweiht. "Es wäre mir fürchterlich, wenn er das mitkriegen würde. Ich fühle mich so unsauber, wenn ich einnässe", sagt die 63-Jährige.

Komplikationen nach einer Gebärmuttersenkung

Dass sie unfreiwillig Urin verliert, ist für Rosemarie eine relativ neue Erfahrung. Sie musste wegen einer Gebärmuttersenkung operiert werden. Als die Ärzte ihr bei einer weiteren Operation ein so genanntes TVT-Band zur Stützung der Harnröhre einsetzten, kam es zu Komplikationen. Der Routineeingriff endete in einer Notoperation. Von da an habe die "Blase gesponnen" und sei nur noch gelaufen, erzählt Rosemarie.

Das ist knapp sieben Monate her. Seither verliert die Bayerin vor allem Urin, wenn sie aus dem Liegen oder Sitzen aufsteht. Zwar habe sich die Situation inzwischen ein wenig gebessert. Doch die Blasenschwäche mache sich quer durch den Tag bemerkbar. "Die Unsicherheit, ob die Blase dicht hält oder nicht, ist für mich sehr schlimm", berichtet die Sekretärin. Dabei benutzt sie spezielle Vorlagen (Inkontinenzeinlagen), um den abgehenden Harn aufzufangen. Sie lebe aber in der permanenten Angst, dass jemand etwas riechen könnte.

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Rosemarie fühlt sich in ihrer Bewegungsfreiheit sehr eingeschränkt: "Ich habe keinen Mut mehr, noch groß etwas zu unternehmen." Eigentlich gehe sie nirgends mehr hin. Eine Wienreise mit ihrem Mann sagte sie ab. Zu groß war ihre Sorge, dass sie nach einigen Stunden Busfahrt aufsteht und plötzlich Urin aus ihr herausläuft. Das ist ihr im Sommer auf einer Familienfeier passiert. "Es war furchtbar", erinnert sich Rosemarie.

Neuerdings plagen sie auch noch Pilzinfektionen der Scheide. Dafür seien die "verdammten Vorlagen" mitverantwortlich, glaubt sie. Aber Rosemarie hat auch Diabetes, was sie sowieso anfälliger für Scheidenpilz macht. Es sei für sie jedes Mal eine Katastrophe, wenn sie Urin verliert, sagt Rosemarie: "Es passiert oft, dass ich dann wieder zu heulen beginne." Sie bäume sich noch immer dagegen auf. "Ich möchte den Zustand vor der Senkung zurückhaben. Langsam glaube ich aber, dass ich einer Utopie nachlaufe. Ich werde wohl mit der Blasenschwäche leben müssen."

Volker Beune* hat Dranginkontinz: "Man darf sich nicht entmutigen lassen."

Volker Beune* hat lange Erfahrung mit Blasenschwäche. Der 32-Jährige lebt seit 17 Jahren mit einer Dranginkontinenz die Folge von Komplikationen bei einer Harnwegsinfektion.Am Anfang sei sein Selbstwertgefühl am Boden gewesen, berichtet Volker. Er habe sich nicht mehr aus dem Haus getraut, auch das Sporttreiben aufgegeben. Seine Eltern wussten natürlich von seiner Inkontinenz, redeten mit ihm aber nicht darüber. Das Thema wurde totgeschwiegen, sagt Volker. Rückhalt in der Familie fehlte ihm. "Im Laufe der Zeit habe ich sogar eine soziale Phobie entwickelt und bekam Alkoholprobleme." Schließlich rang er sich zur Behandlung bei einem Psychotherapeuten durch. "Dadurch habe ich alles im Laufe der Zeit in den Griff bekommen."

Normaler Alltag dank Inkontinenzprodukten

Volkers Leben hat sich inzwischen normalisiert: Er arbeitet als Redakteur, trifft sich mit Freunden, treibt wieder Sport alles mit Windelhosen. Seine Erfahrung: "Als Inkontinenter denkt man immer, dass die Hilfsmittel stark auftragen und für jeden sichtbar sein müssten. Doch in der Regel fällt den Leuten nichts auf." Bei rechtzeitigem Wechsel sei auch nichts zu riechen. "Ich trage Windelhosen mit der größten Saugstärke, zusätzlich Fließeinlagen darin und eine Gummihose darüber. Da dringt nichts nach außen. Außerdem enthalten Inkontinenzprodukte Geruchsbinder."

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Einschränkungen erlebt Volker kaum. Bei der Arbeit spiele die Blasenschwäche keine Rolle, seine Kollegen wüssten nicht einmal davon. Beim Tennis achte er aber darauf, dass außer seinem Partner niemand in der Umkleidekabine ist. "Ich möchte nicht, dass Uneingeweihte etwas von meiner Inkontinenz mitbekommen. Deshalb gehe ich ganz früh oder spät abends zum Sport." Ansonsten plane er gut und habe immer Einlagen und Hosen zum Wechseln dabei, berichtet Volker. Problematisch sei es manchmal, gebrauchte Windeln loszuwerden. In einigen Toiletten gebe es keine Mülleimer oder zu kleine. Für solche Fälle habe er immer einen Beutel dabei, um die Windelhose einpacken und in die nächste Mülltonne werfen zu können.

Als Volker einem guten Freund von seiner Krankheit erzählte, offenbarte dieser ähnliche Probleme. Besonders mit ihm kann er sich gut über seine Inkontinenz austauschen. Kontakt zu anderen Betroffenen fand Volker übers Internet. Eine Partnerin hat er derzeit nicht. "Wenn ich von den Windeln erzählen musste, haben die meisten Frauen Abstand genommen", sagt Volker. Die Inkontinenz sei schon ein Hindernis für eine Partnerschaft, aber er sei optimistisch. Sich nicht entmutigen lassen so lautet auch Volkers Botschaft an andere Menschen mit Blasenschwäche.

Er rät, sich nicht mit Grübeln zu vergraben. Die meisten Befürchtungen seien unbegründet. Und die existierenden Hilfsmittel ermöglichen es Inkontinenten, am Leben in der Öffentlichkeit teilzunehmen. "Man sollte sich nicht einschränken lassen", sagt Volker, "und sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, was andere Leute denken könnten."

* Namen von der Redaktion geändert

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