Einnässen ist nicht gleich Einnässen

Enuresis oder kindliche Inkontinenz?

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Einnässen oder Bettnässen ist bei Kleinkindern häufiger als man denkt.
(c) Stockbyte

Wenn ein fünfjähriges Kind öfters ins Höschen oder Bett macht, ist es Zeit für eine Klärung: Steckt dahinter eine Enuresis oder kindliche Inkontinenz? Danach kann eine gezielte Behandlung beginnen.

Unnötige Scham und Schuldgefühle

Bei einem Fernsehquiz gäbe es für die richtige Antwort nicht nur ein paar, sondern gleich ein paar tausend Euro. Denn die Frage, wie viele Kinder einnässen, ist nicht ganz einfach zu beantworten. Die meisten Menschen unterschätzen die Zahl und sind überrascht, dass es zwischen zehn und 15 Prozent der Fünf- bis Zwölfjährigen sind, denen mal Urin ins Bett oder in die Hose geht. Doch diese Frage wird kaum ein Quizmaster stellen, denn Einnässen ist bei Kindern fast ebenso stark tabuisiert wie bei Erwachsenen.

Dabei müssten die Knirpse und ihre Eltern sich nicht mit Scham oder gar Schuldgefühle quälen, denn bis zum fünften Lebensjahr ist es völlig normal, dass ein Kind sich hin und wieder nassmacht. Älteren Jungen und Mädchen kann außerdem gut geholfen werden. Eltern sollten daher mit ihnen zu einem Kinderarzt oder -urologen gehen, damit die Ursache des Einnässens abgeklärt und die Sache fachgerecht behandelt werden kann.

Enuresis - wenn das Kind nur nachts Urin verliert

Mediziner unterscheiden zwischen reinem Bettnässen, Enuresis genannt, und kindlicher Inkontinenz. Bettnässen liegt für sie vor, wenn ein Kind nach seinem fünften Lebensjahr mindestens zwei Nächte im Monat im Schlaf Urin verliert, ohne dass es einen Harnwegsinfekt hat oder tagsüber ins Höschen macht. Das sei die häufigste Form des Einnässens, sagt Dr. Daniela Schultz-Lampel: "Rund 33 Prozent der Fünfjährigen nässen noch nachts ein." Der Fachärztin zufolge bilden sich die Symptome jedoch in jedem weiteren Lebensjahr bei etwa 15 Prozent der betroffenen Kinder von allein zurück und müssen nicht behandelt werden.

Es gibt eine "primäre Enuresis", die von Geburt an ohne eine längere trockene Phase besteht und eine "sekundäre Enuresis", bei der das Kind wieder ins Bett macht, nachdem es schon einmal mindestens sechs Monate trocken war. "In drei bis vier Prozent der Fälle bleibt das Einnässen auch über das 18. Lebensjahr hinaus bestehen. Dies nennt sich dann adulte Enuresis", erklärt die Fachärztin.

Verzögerte Entwicklung häufiger als psychische Gründe

Die Ursachen des Bettnässens sind nicht vollständig geklärt. Urologen glauben, dass Verzögerungen in der Entwicklung eine entscheidende Rolle spielen, indem zum Beispiel die Kapazität der Blase nicht dem Alter entsprechend ausgebildet ist und sie daher zu wenig Harn speichern kann. Ein anderer möglicher Grund ist, dass die Hirnanhangdrüse zu wenig des antidiuretischen Hormons (ADH) herstellt und der Körper deshalb übermäßig viel Urin in der Nacht produziert. Manche Kinder bemerken auch einfach den Druck auf ihrer Blase nicht, weil sie zu tief schlafen.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor seien falsche Trinkgewohnheiten, sagt Schultz-Lampel und erklärt: "Heute trinken viele Kinder erst am späten Nachmittag oder am Abend ihre Haupttrinkmenge. Trinken die Kinder tagsüber zu wenig, fehlt ein wichtiger Reiz, der die altersentsprechende Vergrößerung der Blasenkapazität anregt." Wenn sie dann abends das Trinken nachholen, wird die Blase überlastet, da der Körper die ganze Flüssigkeit nachts verstoffwechselt. Auch psychische Ursachen oder Verhaltensstörungen können zu Einnässen führen. An sie sollte gedacht werden, wenn ein Kind nach einer längeren trockenen Phase erneut ins Bett macht.

Inkontinenz - wenn das Kind ins Bett macht und auch tagsüber Probleme hat

Bei einer kindlichen Inkontinenz kann das Kind zwar ebenfalls nachts einnässen, es hat aber auch tagsüber Schwierigkeiten mit dem Wasserlassen. Diese können sich in Form von Einnässen äußern. Aber auch wenn der Harndrang sehr plötzlich einsetzt, oder das Kind auffällig oft zur Toilette geht, den Urin aufhält und beim Wasserlassen Brennen oder Schmerzen verspürt oder an Harnwegsinfekten leidet, sprechen Ärzte von kindlicher Harninkontinenz. Sie betrifft 15 bis 20 Prozent der einnässenden Kinder. Schultz-Lampel: "Dies hat ganz andere Ursachen als das alleinige Bettnässen und kann mit körperlichen oder neurologischen Auffälligkeiten sowie Anomalien des Harntraktes verbunden sein." Mitunter sei die kindliche Harninkontinenz nur schwer von der Enuresis zu unterscheiden, "da Tagsymptome oft kompensiert oder verdeckt werden und nur dann auffallen, wenn das Kind krank oder müde ist".

Gestörte Blasenkontrolle oder antrainiertes Toilettenverhalten

Eine häufige Ursache für kindliche Inkontinenz ist eine überaktive Blase, bei der die Steuerung der Blasenkontrolle noch nicht ausgereift ist. Bei einer Sonderform, der Lach- oder Giggle-Inkontinenz, entleert sich die Blase beim Lachen. Sie betrifft vor allem Mädchen zwischen acht und zwölf Jahren und verschwindet mit der Pubertät. Häufig lösen auch Harnwegsinfektionen, Fremdkörper in Blase und Scheide, Reizungen durch Waschmittel oder Seifen, Wurmbefall oder Verstopfung eine kindliche Inkontinenz aus. Hinter dem Einnässen können zudem Blasenentleerungsstörungen stecken, die anatomisch bedingt oder unbewusst antrainiert sind. Beispielsweise kann Einnässen die Folge davon sein, dass es jemand über Jahre möglichst vermeiden wollte, auf die Toilette zu gehen. Dieses Lazy-Bladder-Syndrom betrifft häufig Mädchen. Auch angeborene neuronale Erkrankungen oder entzündliche Krankheiten des Nervensystems können die Blasennerven in Mitleidenschaft ziehen und zum Einnässen führen.

Daneben gibt es psychische Gründe, beispielsweise besonderen Stress in der Zeit der Sauberkeitserziehung oder Störungen in der Eltern-Kind-Beziehung, die zu einem bleibenden Einnässen führen. Jedoch würden psychische Faktoren überbewertet, urteilt Schultz-Lampel.

Mit Trinkprotokollen, Medikamenten und sehr viel Geduld

Um Bettnässen und kindliche Inkontinenz zu behandeln, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Am Anfang steht meist eine Urotherapie, die das Trink- und Toilettenverhalten ändern soll, indem das Kind diese Vorgänge genau protokolliert. Hat die Blase eine zu kleine Kapazität oder ist sie überaktiv, helfen Medikamente. "Aktuell werden bei Kindern hauptsächlich die Wirkstoffe Oxybutynin und Propiverin eingesetzt", sagt Schultz-Lampel. "Wichtig ist, dass die Medikamente regelmäßig eingenommen und richtig dosiert werden." Produziert der kindliche Körper nachts sehr viel Urin, kann eine Therapie mit Desmopressin sinnvoll sein. Weil Desmopressin rasch wirkt, eignet sich die Substanz besonders, um kritische Situationen wie eine Klassenfahrt oder eine Urlaubsreise zu überbrücken.

Bei Harnwegsinfekten sind Antibiotika angezeigt, um das Nassmachen in den Griff zu bekommen. Gegen Bettnässen könnten Alarmsysteme sehr sinnvoll sein, urteilt Schultz-Lampel. Sie erforderten aber Disziplin von Kind und Eltern. Insgesamt sei bei der Behandlung von Einnässen beim Kind viel Geduld nötig, betont die Fachfrau. Auch wenn die genaue Ursache identifiziert sei, könne es ein bis zwei Jahre und länger dauern, bis der volle Erfolg eintrete.

Sieben sanfte Hilfen für eine starke Blase
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    Bärentraubenblätter

    Die ledrigen Blätter der Heilpflanze Bärentraube enthalten einen hochwirksamen Stoff: Arbutin. Diese natürliche Substanz bekämpft Bakterien und wird deshalb häufig als pflanzliches Antibiotikum bezeichnet. Als Tee, aber auch in Form von Tabletten und Dragees mit dem hochdosierten Arbutin, sind Bärentraubenblätter eine effektive Hilfe bei Entzündungen der Blase. Besonders gut wirken Bärentraubenblätter, wenn Sie wenig Süßes und Eiweiß gegessen haben. Denn die Wirkung der Heilpflanze entfaltet sich am besten in alkalischem Urin. Süßes und Eiweiß machen den Urin jedoch sauer und Zubereitungen aus der Bärentraube wirken dann nicht so effektiv.

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    Goldrute

    Bei Reizblase, Blasenentzündung und zur Durchspülung der Darmwege hat sich Goldrute seit Jahrhunderten bewährt. Wissenschaftliche Studien bestätigen, dass die Gerbstoffe, Flavonoide, Saponine und ätherischen Öle der Goldrute – vor allem des Krauts – hochpotente Substanzen sind. Sie lösen Krämpfe, bremsen Entzündungen, lindern Schmerzen, regen die Urinbildung an und aktivieren die Abwehrkräfte an. Goldrute gibt es als Tee, aber auch in konzentrierter Form als Tabletten.

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    Schachtelhalm

    Die Heilpflanze Schachtelhalm ist auch unter der Bezeichnung Zinnkraut bekannt. Die Sprossen seiner Grashalme enthalten Flavonoide, die auf sanfte Weise die Urinbildung anregen. Die Harnwege werden dadurch gut durchspült, Bakterien werden rasch aus dem Körper befördert und haben kaum eine Chance, sich in der Blase anzusiedeln und zu vermehren.

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    Birkenblätter

    Vor allem die Blätter der Moor- und der Hängebirke enthalten Biosubstanzen, die die Nierenaktivität anregen. Die gesteigerte Urinproduktion führt dazu, dass die Harnwege und die Blase gut durchspült werden und Bakterien sich nicht mehr vermehren können. Birkenblätter gibt es als Teezubereitung und kombiniert mit anderen blasenwirksamen Pflanzenstoffen – etwa Goldrute und Schachtelhalm – als Medikament.

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    Kapuzinerkresse

    Sowohl die Blätter als auch die Blüten der Kapuzinerkresse enthalten Senfölglykoside und Vitamin C. Die Glykoside wirken wie ein natürliches Antibiotikum, bekämpfen Bakterien in den ableitenden Harnwegen. Die Inhaltsstoffe der Kapuzinerkresse wirken jedoch nicht nur in Niere, Blase und Harnwegen, sondern auch in den Bronchien – sind also ebenfalls sinnvoll bei Erkältungen und Husten. Kapuzinerkresse-Zubereitungen gibt es meist in Kombination mit anderen pflanzlichen Wirkstoffen.

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    Cranberries

    Die amerikanische Moosbeere (Cranberry) enthält eine große Menge von Antioxidanzien, darunter vor allem Proanthocyanidine. Das sind sekundäre Pflanzenstoffe, die zellschützende Eigenschaften haben. Studien haben gezeigt, dass Cranberrysaft die Blasenschleimhaut gegen Bakterien stark machten kann. Allerdings muss der Saft dazu über einen längeren Zeitraum getrunken werden. Ebenso wirksam könnte jedoch Preisel- oder Heidelbeersaft sein.

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    Kürbis

    Nicht nur das Kürbisfleisch ist gesund. Es liefert jede Menge Mineralstoffe wie Kalzium, Magnesium, Kalium sowie die Vitamine A, C und E. Die Kerne vom Kürbis enthalten ein hochpotentes Öl mit dem Hauptwirkstoff Phytosterol. Er lindert Prostatabeschwerden, kann das Prostatawachstum sogar bremsen und stärkt die Blase. Sie können geröstete Kürbiskerne knabbern, aber auch Dragees, Tabletten oder Granulat mit hochdosierten Kürbiskernextrakt einnehmen.

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Autor: Martina Janning
Letzte Aktualisierung: 10. November 2008
Quellen: Nach Informationen der Urologin Dr. Daniela Schultz-Lampel und der Deutschen Kontinenz Gesellschaft: Einnässen beim Kind, Robert-Koch-Institut: Harninkontinenz, Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 39

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